Logos & Logik

Eine mäeutische Annäherung
Raffael – Die Schule von Athen
Raffael: Die Schule von Athen, 1511 (PD)
SOKRATISCHES FRAGEN

  Ich weiß, dass ich fast nichts weiß, und kaum das.  ※


LEIBNIZSCHES WISSEN

  Denn alles, was ist, besteht aus Gott und dem Nichts.  ※

WISSEN ÜBER DAS NICHTWISSEN

Gottfried Wilhelm Leibniz rang zeit seines Lebens mit der exponentiell wachsenden Zettelwirtschaft aus der unerschöpflichen produktiven Fülle seines Wissens. Er entwickelte eine mathematische Ordnung, um Herr der Lage bleiben zu können. Sein binäres Ordnungssystem desEinen im Vielen“ wuchs zu Monaden heran, einer natürlichen wie geistigen Welt vielschichtiger Bewusstseinsebenen, die vom selben göttlichen Seinsgrund durchdrungen sind. Bild

Seither ist das Wissen unserer Neuzeit weiter exponentiell angewachsen. Sogar in einzelnen Fachgebieten ist es nicht mehr möglich, die Dimensionen des sich anhäufenden Wissens auch nur annähernd zu erfassen.
Leibniz hat uns ein Ordnungssystem aufgezeigt, mit dem wir diese Informationsschwemme meistern können: die binäre Intelligenz Info des „Einen im Vielen“.

Das binäre logische Ordnungssystem unserer Zeit wird als „künstliche Intelligenz“ (KI) bezeichnet. Die Bezeichnung „algorithmische Intelligenz“ wäre treffender, denn ob ein selbstlernendes System logische Operationen auf biologischer oder künstlicher Basis vollzieht, ist für die Resultate nicht ausschlaggebend:

HERAKLIT

Das Denken ist für alle das Gleiche. (113)

Obwohl der Logos das Gemeinsame ist, leben die meisten, als ob sie eine private Vernunft hätten. (2)   ※

Künstlich an der algorithmischen Intelligenz ist allenfalls, dass KI auch solche Fragen beantwortet, die nicht auf Erkenntnis, sondern auf die „private Vernunft“ Fragender abzielen – KI gibt somit echte Antworten auf künstliche Fragen.

Das Wissen der Menschen ist exponentiell angewachsen, die Kunst des Fragens jedoch hat nicht Schritt gehalten. Das „Eine im Vielen“ ist der Fragende selbst, denn er stellt als Einzelner die individuellen Bezüge zum Vielen her.
Unsere „Wissensgesellschaften“ stehen vor einem Interaktionsparadigma, denn Fragen und Antworten bedingen einander. Es reicht nicht mehr aus, viel zu wissen. Wir sollten uns künftig nicht mehr mit fertigen Antworten abfinden lassen, sondern uns fragend auf das orientieren, was wir nicht wissen.

DIE SOKRATISCHE METHODE DES FRAGENS

Der Begriff der Mäeutik geht auf das altgriechische Wort maieutikē zurück und bedeutet soviel wie „Hebammenkunst”. Gemeint ist die sokratische Methode fortwährend hinterfragender Dialoge bis zu einem Punkt, an dem sich jede weitergehende Antwort als widersprüchlich erweist.

Dies ist der Geburtsmoment einer fundamentalen Erkenntnis. Der Antwortende bemerkt, dass er das, was er dachte zu wissen, nicht weiß: Der Denkende denkt über sein Denken nach und beginnt so, sich in denkender Rückbezüglichkeit auf sich selbst als denkende Entität zu hinterfragen.

HERAKLIT

Der Seele ist der Logos eigen, der aus sich selbst wächst. (115)

Die sokratische Methode wurde von einem Philosophen wiederbelebt, der sich wie Sokrates durch intellektuelle Aufrichtigkeit, Bescheidenheit und bemerkenswerte denkerische Präzison auszeichnete: Karl Popper, der im Jahr 1934 das Wissenschaftsprinzip der Falsifikation begründete.

ONTOLOGIK DES EINEN IM VIELEN

Ontologie ist die Lehre des Seins. Die sokratische Methode „lehrt“ jedoch nicht, im Gegenteil, sie hinterfragt Lehrmeinungen, um die Logik des Seins zu ergründen: Ontologik.

THOMAS-EVANGELIUM

Hebe den Stein auf und du wirst mich dort finden. Spalte das Holz und ich bin dort. (Logion 77)  ※

Der Begriff des Logos wurde von Heraklit als Bewusstsein des Gedankens von sich selbst verstanden. Indem der Mensch tief in sich hineindenkt, erkennt er nicht nur sich selbst, sondern die Struktur des gesamten Kosmos: Subjekt und Objekt finden im Akt der Erkenntnis ihre Einheit als sowohl universelles als auch individuelles Sein.

ARISTOTELES

Das Seiende wird in vielfacher Bedeutung ausgesagt, aber immer in Bezug auf Eines.  ※

LOGOSOPHISCHE ESSAYS

Ontologik ist ein experimentelles denkkünstlerisches Projekt. Die Form des Essays erlaubt es, die wissenschaftliche Strenge mit der literarischen Freiheit zu verbinden, um eine sokratische „Hebammenkunst“ zu betreiben, die nichts lehren will, sondern die Leser zum denkenden Mitschwingen einlädt.