Sobald es an das intuitive denkende Verstehen bildlicher Aussagen in Kunst oder Symbolik geht, wird die Bedeutungsblindheit der Menschen in der westlichen Hemisphäre deutlich.
Bilder werden nicht mehr gelesen, um ihre Bedeutung verstehen zu können, sondern es werden bestenfalls logisch halbwegs plausible Interpretationen konstruiert.
Bazon Brock bezeichnet den Verlust intuitiven bildlichen Denkens treffend als Bildanalphabetismus:
„Wir müssen lernen, in Bildern zu denken.
In Schulen werden uns nur die Wortsprachen beigebracht. Die Bildsprachen bleiben unerschlossen und vagen Vermutungen überlassen. Das ist umso schwerwiegender, als wir heute bereits unsere Welt mehr in Bildern (durch Fernsehen, Film, Zeitung, Werbung, Dekoration, Design) als in Wortsprachen wahrnehmen.”
Was Bazon Brock anspricht, geht über das rein inhaltliche Erfassen von Abbildungen hinaus. Gemeint ist die Erschließung von Bildbedeutungen, die auch in Musik, Dramaturgie, Natursymbolik oder in Form von Sprachbildern auszumachen sind. Semantik ermöglicht eine Phänomenologie der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke und Ausdrucksformen und macht sie, aufgrund der unmittelbaren Verbindung von Sprache und Denken, sowohl logischer als auch formallogischer Analyse zugänglich.
SEMANTISCHE FELDFORSCHUNG
Werden kausale Urteile aus einem Vollversagen des Bedeutungsmuster erkennenden intuitiven Denkens gefällt, fehlt der Vernunft (logische Ursache-Wirkungsverkettung) der Verstand (empirische Bedeutungserkennung). Handeln ohne Verstand führt zwangsläufig zu kontrafaktischen Resultaten.
Ein Beispiel semantischen und bildsprachlichen Versagens:
Einem Landespolitiker in Sachsen-Anhalt wurde, anlässlich eines zu erwartenden Erfolges seiner Partei bei einer anstehender Landtagswahl (im September 2026) vorgeworfen, vor 6 Jahren (2020) seinen linken Arm in der vermeintlichen Absicht eines nationalsozialistischen Grußes ausgestreckt zu haben.
Als einziger Beleg für diese Behauptung wurde eine von Pressemedien zurechtgeschnittene Fotografie präsentiert. Auf dem manipulierten Bildausschnitt war nicht mehr zu erkennen, dass eine Person vor dem Beschuldigten auf einem Bein kniet, so wie es bei Ritterschlägen zur Adelung mit einer Beförderung in den ‚Ritterstand‘ auch heute noch noch üblich ist, was – laut Angabe des Beschuldigten – dem pantomimischen Handlungskontext des Schnappschusses entspricht.
Seine politischen Gegner scherte das allerdings nicht.
Für die erkenntnistheoretische Feldforschung in folgenden semantischen Beispielen sind vor allem die intellektuell unredlichen Methoden interessant, mit denen der Beschuldigte angegangen worden ist. In beiden Fällen handelt es sich um Kategorienfehler dessen, was mittels Verstand ersichtlich und dem, was mittels Vernunft konstruierbar ist.
Den Verlauf der kurzen Bundestags-Debatte mit den im weiteren zitierten logisch-semantischen Kategorienfehlern kann in einer – nach Ansicht des Autors phänomenologisch angemessenen – Dokumentation nachverfolgt werden.
ERSTES BEISPIELZIZAT
„Es gibt ja auch aktuelle Meldungen ähm [sic] über ein Bild, dass sie mit dem Zeigen des Hitlergrußes zeigt. Ich finde, sie können jetzt im deutschen Bundestag klarstellen, ist dieses Foto gefaked oder ist es wirklich ein reales Foto?
Und wenn es ein reales Foto sein sollte, dann wäre das die perfekte Gelegenheit, ihr Mandat im deutschen Bundestag heute niederzulegen.
Logisch-semantische Analyse:
- Der Redner unterscheidet nicht das, was das Bild zeigt (Verstand) von dem, was er reflektiert (Vernunft). Er ‚überschreibt‘ die Bildinformation mit einer ausgedachten Interpretation. Die Aussage mag konstruktiv vernünftig sein, aber es fehlt ihr an nötigem Verstand.
- Der Begriff „reales Foto“ ist logischer Unfug. Das Adjektiv „real“ bezeichnet ‚wirklich, tatsächlich, der Wirklichkeit entsprechend‘. Alle „Fotos“ und Bilder zeigen grundsätzlich eine von der Realität abweichende zweidimensionale Darstellung einer dreidimensionalen Wirklichkeit. Die Unterstellung eines verlässlichen Wirklichkeitsbezuges „realer Fotos“ würde logisch voraussetzen, dass die Welt zweidimensional, also eine Scheibe sei. Hinzu kommt die simple Tatsache, dass alle – insbesondere digitale – Bilder in irgend einer Weise absichtlich optimiert, also manipuliert worden sind.
- Der Begriff „Fake“ charakterisiert eine gezielt verfälschte Simulation der Wirklichkeit. Diese Eigenschaft ist per se, beginnend bei steinzeitlichen Höhlenmalereien, ein Charakteristikum aller Abbildungen. Nur die Wirklichkeit an sich ist unverfälscht.
- Der Redner verwechselt bei seiner Beschuldigung Handlungsmotive, die an dauerhaften wertgebundenen Prinzipien ausgerichtet sind, mit Handlungsabsichten, die auf willfährige und zweckmäßige Verwendung aus situationsbedingten Nützlichkeitserwägungen orientiert sind. Die Handlungsabsicht ist inhärent im Tatvorwurf des Redners und nicht – wie von ihm vorgebracht – im Gegenstand oder der Bedeutung des Bildes enthalten:
„Alles Geschehen aus Absichten ist reduzierbar auf die Absicht der Vermehrung von Macht.“
Auswertung der Analyse:
Der Redner produziert in seinem kurzen Redebeitrag systematisch Kategorienfehler:
- Er ordnet seine Reflexionen über das Bild nicht seinem eigenen reflektierenden Denken, sondern dem Bild zu.
- In seinem Vorwurf verwechselt der Redner die immaterielle bildsprachliche Bedeutung mit dem materiellen Trägermaterial.
- Der Ausführende konstatiert mit der Phrase „rechts“ (oder ‚rechtsextrem‘) einen von ihm aus gesehenen topologisch subjektiven Referenzpunkt seiner selbst als den objektiv maßgeblichen Ort einer Himmelsrichtung. Die Metapher wäre nur dann evident, wenn die Welt sich – adäquat zum ptolomäischen geozentrischen Weltbild – um ihn als egozentrisches Zentrum der Welt drehen würde.
- Eine versehentliches Vorgehen des Redners, etwa aufgrund einer möglicherweise momentanen logischen Verwirrtheit, kann kategorisch ausgeschlossen werden, denn seine Absichtlichkeit hat er bereits mit der Forderung der Amtsniederlegung seines politischen Gegners unbestreitbar realisiert.
ZWEITES BEISPIELZITAT
Ein anderer Redner stellte dem Beschuldigten daraufhin – das beschnittene Foto vorzeigend – Fragen, die logisch derart widersinnig waren, dass es dem Beschuldigten unmöglich war, ein den Gesetzen der Logik folgendes Argument zu seiner Entlastung vorzubringen:
„Und wenn das kein Hitlergruß ist, was ist denn dann ein Hitlergruß?
Wie wollen Sie denn jetzt aus dieser Nummer noch mal rauskommen?“
Die erste Frage des Zitates:
Es handelt sich hierbei um einen logischen Zirkelschluss, der auch als ‚petitio principii‘ (Erschleichung eines Beweisgrundes) bezeichnet wird. Der logische Fehler besteht darin, dass die Wirkung der Ursache als Ursache der Wirkung behauptet wird.
Der Informationsgehalt der Aussage ist nichtig und gegen eine Person (ad hominem oder ad personam) gerichtet ‚vernichtend‘.
Wir haben es hier erneut mit einem spezifischen Kategorienfehler zu tun: Der kausale Grund wird durch einen kategorischen Beweggrund ersetzt. „Es ist so, weil ich sage, dass es so ist“ ist kein Argument, sondern ein totalitärer Machtanspruch.
Dem Falsifikationsprinzip Karl Poppers folgend, können wir ausschließlich aus Fehlern lernen. Im Hinblick auf unser Selbstbewußtsein müssen wir uns daher auf die Notwendigeit eigener Denkfehler stützen. An Denkfehlern ist also nichts Verwerfliches, solange sie passiv denkend reflektiert und nicht aktiv handelnd projiziert werden.
Der Zirkelschluss wird, in aktives Handeln überführt, produktiv. Da der Kategorienfehler in geschlossener Umlaufbahn der Selbstbehauptung seiner Richtigkeit kreist, kommt es in positiver Rückkoppelung erwartungsgemäß zu weiteren Kategorienfehlern:
„Und wenn das kein Hitlergruß ist, was ist denn dann ein Hitlergruß?“
Es ist unmöglich, diese Frage zu beantworten. Aus etwas, das nicht ist, kann nichts hergeleitet werden. Die nicht kontrafaktische Frage hätte, um beantwortet werden zu können, folgerichtig lauten müssen:
„Und wenn das ein Hitlergruß ist, was ist denn dann kein Hitlergruß?“
Diese Frage hätte den erzwungenen Zirkelverweis augenblicklich an seine empirische Falsifikationsgrenze geführt.
An dieser Trennungslinie kollabiert die ideologische Anmaßung und macht den Weg frei für den Blick auf einen rein koinzidenten, unschuldigen Bedeutungszusammenhang, wie ihn Werner Finck in seinem subversiven Schneider-Sketch meisterhaft exponierte: Am ausgestreckten Arm wird schlicht das Maß für einen Maßanzug genommen.
Die Kontrafaktizität der paranoiden Macht wird im Moment des Lachens durch ihre eigene Unfähigkeit zu einer kategorisch richtigen Reflexion entblößt.
Die zweite Frage des Zitates:
„Wie wollen Sie denn jetzt aus dieser Nummer noch mal rauskommen?“
In der Astrophysik spricht man im Hinblick auf das, aus dem es kein ‚Rauskommen‘ mehr gibt, von schwarzen Löchern. Die Masse (Gravitationskraft) wird so stark, dass die Raumzeit von außen nach innen zunehmend gekrümmt und schließlich im Zentrum des Loches – jenseits des Ereignishorizontes von Zeit und Raum – in Unendlichkeit kollabiert.
Die Gravitation führt gewissermaßen zu einem ‚freien Fall in das Bodenlose‘, aus dem es für Materie, Licht und Information kein Entrinnen mehr gibt: Raum und Zeit kollabieren als Nicht-Raum (Utopos) und Nicht-Zeit (Uchronos) in der Unendlichkeit ihrer Nichtexistenz.
In der Metaphysik entsprechen schwarze Löcher dem Begriff der Kontrafaktizität, der Negation der Wirklichkeit dessen, was ist. Aus Nichts kann nichts hergeleitet werden. In diesem Schlamassel befindet sich allerdings nicht der Beschuldigte, sondern der Fragesteller selbst.
Der Versuch „aus dieser Nummer noch mal herauszukommen“ führt in unendlicher Wiederholung des Gleichen zu demselben unendlichen Resulat, nämlich Nichts. Der Autor bezeichnet dieses Phänomen als ‚freien Fall in die Kontrafaktizität‘.
Im übergeordneten Gesetz (‚Nomos‘) der (Meta)physik handelt es sich dabei um eine eskalierende positive Rückkoppelung, die zu einer Resonanzkatastrophe führt.
FAZIT DER SEMANTISCHEN ANALYSE
„Never wrestle with pigs. You both get dirty and the pig likes it“
Kontrafaktizität ergibt sich aus der Projektion des eigenen reflexiven Denkens auf die Wirklichkeit. Die Welt wird zur Illusion dessen, was man sich ausgedacht hat (self-full filling prophecy). Die Projektion des kategorischen Irrtums überdeckt die Wirklichkeit, die – unsichtbar durch die kontrafaktische Fiktion – zur bewusstseinsfernen Bedrohung eines paranoiden Selbstverständnisses mutiert.
Das Gewebe der Unwirklichkeit ist aus Utopien, Ismen und Ideologien gewebt. Es gibt sie als reale wirkmächtige kontrafaktische Wirklichkeit, weil sie unwirklich sind (‚petitio principii‘). Der ‚freie Fall in die Kontrafaktizität‘ ist die ontologische Resonanzkatastrophe der positiven Rückkoppelung einer eskalierenden Dynamik, die hinter dem Ereignishorizont im ‚Bunker des Unterganges‘ solange Nichts aus Nichts erzeugt, bis nichts mehr existent ist.
Totalitäre Personen und ideologische Systeme sind erkennbar an der Unerbittlichkeit ihrer ontischen Selbstbehauptung in der Richtigkeit des Falschen. Sie machen unaufhaltssam – und in sich selbst unentrinnbar gefangen – in ewiger Wiederholung des Gleichen weiter, bis alles nichts ist. Denn – so das Motto – Frieden gibt es erst auf dem Friedhof.
Kontrafaktiztät und ihre diabolischen ‚Krieger‘ jenseits des Ereignishorizontes der Wirklichkeit, kann man nicht bekämpfen, ohne sich in die Gefahr zu begeben, selbst in den Strudel der ontischen Selbstauslöschung zu geraten. Man kann jedoch aus sicherer geistiger Distanz mit ‚eulenspiegelndem‘ Humor das Kontrafaktische mit sich selbst konfrontieren, während man sich weigert, es zu perpetuieren.
BILDSPRACHLICHE FELDFORSCHUNG
Um eine Analyse semantischer Bedeutungen auf phänomenologischer Basis vornehmen zu können, ist es erforderlich sich völlig vorurteils- und urteilsfrei beobachtend ‚ein Bild zu machen‘ von dem, was sich ‚in freier Wildbahn‘ ereignet. Damit etwas phänomenologisch bemerkt und beobachtet werden kann, muss man über bereits gründlich falsifizierte Erkennungsmuster und empirische Begriffe verfügen.
Eine alte Metapher ist, jemand sähe „den Wald vor lauter Bäumen nicht“. In neuerer Zeit spricht man eher von einem „weißen Elefanten im Raum“, den man nicht bemerke. Beide Metaphern laufen im Prinzip auf dasselbe Phänomen hinaus: Man kann nur das bemerken und darüber Nachsinnen, wovon man sich durch vorhergehende Beobachtungen ein Bild gemacht hat.
Der Begriff ‚Phänomen‘ urständet im griechischen Ausdruck φαινόμενον ‚phainómenon‘ und bedeutet das ‚Sich-an-ihm-selbst-zeigende‘, das Offenbare. Phänomene sind „dann die Gesamtheit dessen, was am Tage liegt oder ans Licht gebracht werden kann“.
Theoretiker waren in der griechischen Antike die ‚sinnend betrachtenden‘ Zuschauer in den Theatern, in Orientierung auf das, was sich vor ihren Augen abspielte:
- Theoros (θεωρός): Dies war die ursprüngliche Bezeichnung für den ‚Zuschauer‘ oder ‚Beobachter‘. Ein Theoros war jemand, der ein Fest (häufig religiöser Art) oder ein Ereignis als Gesandter oder offizieller Zeuge betrachtete.
- Theoria (θεωρία): Davon leitet sich der Begriff für das ‚Anschauen‘, die ‚Betrachtung‘ oder die Schau ab. Im antiken Kontext war dies nicht bloß passives Konsumieren, sondern eine geistige Durchdringung des Gesehenen.
- Theatron (θέατρον): Das Wort für das Theatergebäude selbst bedeutet wörtlich ‚Ort des Sehens‘ oder ‚Schauplatz‘.
In unserer von Bildanalphabetismus und Aversion gegen intuitives Denken geprägten Gegenwart hat man die Welt, die man – um sie sinnend betrachten zu können – vor dem Nachsinnen erst einmal betrachen sollte, in wortwörtlichem Sinne ‚aus den Augen verloren‘.
Die meta-physische Einheit der Wirklichkeit, die die Natur des gesamten Universums umfasst und sich in allen Erscheinungen von Natur bis Kultur zeigt, offenbart sich in einer Dramaturgie empirischer Erfahrungen. Die Dramaturgie ist nicht in Form logischer Konstrukte erschließbar, sie offenbart sich unserer explorativen bildlich-intuitiv sinnenden Betrachtung.
EINE DRAMATURGIE DES MASSENWAHNS
Am 29. März 2024 wurde unter ‚www.sportschau.de (hr)‘ ein Artikel veröffentlicht, der sich mit der Entscheidungsfindung des DFB (‚Deutscher Fußballbund‘) auseinandersetzte. Es ging dabei um die Frage, wie sich die deutsche Nationalmannschaft mittels ‚Torhymne‘ am angemessensten international musikalisch in Szene setzen solle:
„»Major Tom«: Neue Torhymne der Nationalmannschaft feiert Premiere in Frankfurt
Stand: 26.03.2024 21:10 Uhr
Die Fans haben sich eine neue Torhymne für die deutsche Nationalmannschaft gewünscht - und sie haben sie bekommen. Nach einiger Verwirrung erklang beim Länderspiel gegen die Niederlande erstmals »Major Tom«.
Einige deutsche Fußballfans wollten Tore der Nationalmannschaft am liebsten »völlig losgelöst von der Erde« feiern. In einer Online-Petition wurden seit Sonntag zweieinhalb Monate vor der Heim-EM Unterschriften dafür gesammelt, dass bei Treffern der DFB-Auswahl der Neue-Deutsche-Welle-Hit »Major Tom« von Peter Schilling gespielt wird. Bis zum Dienstagvormittag hatten fast 70.000 Menschen unterzeichnet.
Es folgte Verwirrung rund um das Länderspiel der DFB-Elf am Dienstagabend im Frankfurter Stadion. Zunächst hatte der Verband das Portal t-online wissen lassen, dass man für das Spiel bei der bisherigen Torhymne »Kernkraft 400« von ›Zombie Nation‹ bleiben wolle. Für den Track hatten sich die Fans in einer Abstimmung des DFB im Jahr 2019 entschieden.“
Der Wille zum selbstbestimmten Leben:
Im Jahre 1973 hatte Dawid Bowie einen erfolgreichen Song herausgebracht mit dem Titel „Space Oddity“:
Der Song ist eine Ballade über den Astronauten Major Tom, der die Verbindung zur Bodenstation (Realität) verloren hatte. Er konnte sein Raumschiff nicht mehr steuern (Kontrollverlust der Selbstbestimmtheit). Major Tom wäre ‚lost in space‘ um sein Leben gekommen, aber zum Glück kannte der Autopilot des Raumschiffs (sein Wille zum Überleben) den Weg und Major Tom fand unbeschadet zur Erde (Lebensrealität) zurück.
David Bowie hatte diesen poetischen Song als Metapher für seine tiefgreifenden traumatischen Erfahrungen mit seiner überwundenen Heroin-Sucht verfasst, die beinahe seine Persönlichkeit und sein Leben zerstört hätte.
Der Wille zum selbstbestimmten Tod:
Ein Jahr später, 1974, hatte der kongeniale Peter Schilling eine andere Version der Geschichte veröffentlicht:
Major Tom verliert auch hier den Kontakt zur Bodenstation (Realität). Allerdings handelt es sich in Peter Schillings Song um ein Experiment im Weltraum.
Major Tom bricht das Experiment ab, verabschiedet sich in einem letzten Funkspruch von seiner Frau und treibt selbstbestimmt in seinen Tod.
„Die Erde schimmert blau, sein letzter Funk kommt »Grüßt mir meine Frau«, und er verstummt. Unten trauern noch die Egoisten. Major Tom denkt sich: »Wenn die wüssten!« Mich führt hier ein Licht durch das All. Das kennt ihr noch nicht, ich komme bald. Mir wird kalt.
[Schluss-Refrain:] Völlig losgelöst von der Erde schwebt das Raumschiff. Schwerelos.“
Torhymnen: Spiel des Lebens oder Realität des Todes:
Fußball und dem Fußball ähnliche Ballspiele waren vom historischen Anbeginn an Kriegsspiele. Diese Tradition wurde etwa 4000 Jahre hindurch bis in unsere Gegenwart weitergetragen. Kriegskünste und Gewalttätigkeiten bis hin zu gezielten Tötungen der Gegner waren mitunter Bestandteil der Spielregeln, wie einige Beispiele zeigen:
- 蹴鞠 ‚Ts'uh küh‘ (Ts'uh: mit dem Fuß stoßen, küh: Ball) ist vermutlich, auf etwa 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung zurückreichend, das historisch älteste Fußballspiel und diente dem Wehrsport zur Kampfertüchtigung.
- Bei indigenen Völkern Amerikas wie den Mayas wurde auf der Verliererseite der Spielführer oder die gesamte Mannschaft getötet. Der Tod galt bei den Mayas als Übergang in eine andere Welt. Die (Selbst)opferung der Verlierer wurde als göttliche Ehrerbietung betrachtet.
- Die archaische Urform des rituellen Vollzuges in der griechischen Antike ist die Sphairomachia (σφαιρομαχία), die sogenannte ‚Ballschlacht‘. Besonders in Sparta war dieses unerbittliche Spiel populär, bei dem sich die Akteure im Kampf rücksichtlos aufeinanderstürzten.
- In unserer Gegenwart ist der kriegerische Kontext im Sprachgebrauch manifestiert: Tore werden „geschossen“, das eigene Tor „verteidigt“, der gegnerische Bereich wird „gestürmt“, Bälle werden „gebombt“ und „gefeuert“, gegnerische Nationen werden unter wehenden Nationalflaggen der jubelnden Sieger „vernichtet“ oder „vernichtend geschlagen“.
Solange der kriegerische Sprachkontext korrekt als Spiel-Metaphern verstanden wird, ist die Welt noch in Ordnung. Vor Spielen muss man sich nicht fürchten, denn sie zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie den Ernstfall kategorisch ausschließen. Kommt es jedoch zu Kategorienfehlern, tritt der verbotene Ernstfall ein: Die Realtität des Krieges mutiert zu einem Spiel.
Das Glück des Bombens:
‚Felix the Cat‘ ist eine amerikanische Cartoonfigur, die 1928 so erfolgreich geworden war, dass sie als erste Cartoonfigur viele Menschen in die Kinos lockte. Sie wird aufrund ihres Namens im deutschen Sprachraum auch als „Felix der glückliche Kater“ bezeichnet. Das lateinische Wort ‚Felix‘ bedeutet ‚der Glückliche‘ und zugleich – was weniger bekannt ist – ‚der Glücksbringer‘.
Der glückliche Glücksbringer ‚Felix the Cat‘ ist seit 1945 eine Insigne amerikanischer Bombenflugzeuge.
Der Kipppunkt des Kontrafaktischen:
Fast 70.000 Personen hatten sich beim DFB für eine Torhymne stark gemacht, die erfolgreiche Schüsse in das Tor der Gegner mit der Repräsentation des Bedeutungsgehalt einer suizidale Selbstvernichtung feiert.
Der Komponist Peter Schilling sah sich mit einer ambivalenten Situation konfrontiert: dem einträglichen Erfolg der Renaissance seines 40 Jahre alten Songs und der Tatsache, dass ein Freitod kein Anlass zum Feiern ist:
„Mir ging es beim Songwriting darum, dass der Astronaut selbstbestimmt ist, dass er entscheidet, wann das Experiment vorbei ist und der hat beschlossen, das zu beenden für sich. Es ist also im Grunde genommen ein Lied über den Tod. Ich habe damals schon gedacht, das kannst du nicht machen, die Leute mit dem Tod so direkt konfrontieren. Aber ihr oder einige viele von euch haben daraus einen Partysong gemacht. [...]“
Streitpunkt angemessener Repräsentation Deutschlands:
Der DFB gab der Petition der Fußballfans nur mit Unbehagen nach, hatte man sich doch im Jahre 2019 bereits für eine andere Torhymne entschieden: „Kernkraft 400“ von der deutschen Techno-Gruppe „Zombie Nation“.
Die Stilrichtung wird als „Hard Trance“ bezeichnet und folgt traditionell der aufpeitschenden Rhythmik von Kriegstänzen. Der Name ‚Kernkraft 400‘ dürfte eher auf den menschlichen Wesenskern als auf Quantenphysik abzielen. Kriegstänze sind seit je her darauf ausgerichtet, das Denken der Krieger vor einer Schlacht durch Fanatisierung der Kamfbereitschaft auszuschalten. Der textliche Informationsgehalt des Stücks ist daher überschaubar.
Der Anti-Selbstbeweger als deutsche ‚Export-Meisterschaft‘:
Deutschland war bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert, in dem die Philosophie des individuellen Ichseins – als autonomer, sich aus sich selbst heraus begründender Logos – den Zenit seines geistigen Fortschrittes erreicht hatte, in Kunst, Philosophie und Wissenschaften prosperierend. Nach dem Überschreiten des Zenits kam es zu dem von Hermann Broch bezeichneten „Absinken und Abfall der bereits erreichten Erhellungshöhe“.
- Das Mumifizieren von Millionen Hauskatzen im alten Ägypten war das koinzidente Signum des nahenden Endes einer Hochkultur. Man deutet das mitunter als eine ‚Demokratisierung‘ der altägyptischen Religion.
Die deutsche Entsprechung des degenerativen gesellschaftlichen Niederganges wurde in der ‚Demokratisierung‘ des Logos zum völkischen Selbstbeweger (‚Automobil‘) markiert, dem Volkswagen als Kraft-durch-Freude-Beweger (‚KdF-Wagen‘).
- In unserer aktuellen Gegenwart droht das Logos-Prinzip des autonomen Selbstbewegers vollends in sein kontrafaktisches Gegenteil umzukippen:
‚Untergang-mit-Freude-Bewegtsein‘ und Kriegstänze besiegeln als Exportartikel den eigenen gesellschaftlichen Untergang.
Ein beispielhaft eindrückliches Bild einer als evident empfundenen angemessenen Repräsentanz der deutschen „Zombie Nation“ liefert ein amerikanisches Basketball-Match aus dem Jahr 2014. Die fanatisch auf Augenhöhe ausgestreckten Arme wurden – nach Kenntnislage des Autors – zu keiner Zeit als störend empfunden.