Die Pontinische Ebene ist eine Gegend in Mittelitalien, die zu Zeiten der griechisch-römischen Antike noch eine blühende Kulturlandschaft war. Die Ebene war von den einheimischen Bewohnern (lat. Volsci) durch ein aufwendiges Kanalsystem trocken gelegt worden. Die gewonnenen torfig-humosen Böden waren fruchtbar und brachten reiche Ernten, die exportiert werden konnten.
Über Jahrhunderte kam es bei den „Volskern“ immer wieder zu kriegerischen Konflikten mit ihren angrenzenden römischen Nachbarn. Schließlich wurden sie von Rom unterjocht und gewaltsam vertrieben. Die nachfolgenden, der römischen Besatzung folgenden Siedler ließen die Bewässerungsanlagen verkommen und rodeten die vor Erosion schützenden Wälder. Die pontinische Ebene wurde zu einem unbewohnbaren Sumpfgebiet, den pontinischen Sümpfen.
DEN SUMPF TROCKENLEGEN
Seither wurden mehrere Anläufe unternommen, mit gigantischem Aufwand regenerativ trockenzulegen. Bereits Cäsar unterahm den kaiserlichen Versuch einer letztlich gescheiterten Trockenlegung der pontinischen Sümpfe. Der Erfolg ‚versumpfte‘ quasi als bloße Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die viele Opfer nicht nur an Vermögen, sondern auch an Menschenleben mit sich brachte.
Einen weiteren Anlauf zur Bewältigung dieser gigantischen Herausforderung unternahm Papst Pius VI. (Graf Gianangelo Braschi, Pontifikat 1775–1799), seinerzeit bekannt als der Papst der Armen..
Pius VI. trat sein Amt in einer Phase an, in der der Kirchenstaat wirtschaftlich verarmte und von Hungersnöten bedroht war. Er hatte die herzensgute Absicht, die Menschen vor solchem Unglück zu bewahren. Seine Motivation zur Trockenlegung ab 1777/1778 entsprang dem aufklärerischen Geist der Physiokratie (der Lehre, dass aller Reichtum aus der Kultivierung des Bodens und der Landwirtschaft stammt):
Land für die Verarmten: Das gigantische Sumpfgebiet (über 700 Quadratkilometer) sollte fruchtbares Ackerland werden, um Rom von Getreideimporten unabhängig zu machen und der verarmten Landbevölkerung Nahrung und Arbeit zu geben.
Der Kampf gegen die Malaria(„Mal’aria“ = schlechte Luft): Die giftigen Ausdünstungen der anaeroben Sümpfe machten Mittelitalien jeden Sommer zur Todeszone. Pius wollte dem Sumpffieber die biologische Brutstätte entziehen.
Infrastruktur: Er ließ die versunkene antike Via Appia wieder freilegen und ausbauen, flankiert von einem schnurgeraden Hauptentwässerungskanal, der nach ihm benannten Linea Pia.
Goethe hatte bei seiner Durchreise im Februar 1787 das Werden des gigantischen Vorhabens von Papst Pius VI. unmittelbar vor Augen. Goethe notierte damals in der „Italienischen Reise“ (Eintrag aus Fondi vom 23. Februar 1787):
„Schon früh um drei Uhr waren wir auf dem Wege. Als es tagte, fanden wir uns in den pontinischen Sümpfen, welche kein so übles Ansehn haben, als man sie in Rom gemeiniglich beschreibt. [...] allein es scheint mir doch, daß die Arbeiten, welche der Papst angeordnet, die gewünschten Endzwecke wenigstens zum größten Teil erreichen werden.“ 1.
DER GEIST, DER GUTES WILL UND BÖSES SCHAFFT
Goethes Mephisto stellt sich dem Faust auf die Frage, wer er sei, mit den Worten vor: „Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“
Das kann stutzig machen. Mephisto soll der sein, der Böses will und Gutes schafft?
Sollte es nicht anders herum sein? – Der Geist, der Gutes will und Böses schafft?
Nein, Faust schuf das Böse, als er als ewig Suchender nach dem Guten (dem Logos) des Suchens müde geworden war und den Urbeginn des Logos opportun als Angelegenheit der Tat missverstand. Er nahm eine ihm gefälligere Abkürzung, unterließ sein beschwerliches – ihm aussichtslos erscheinendes – Suchen und setzte seine Absicht kurzerhand in die Tat um: Faust wurde zum Täter in der Selbstbelügung, dass der eigentliche Teufel nicht in seiner eigenen Verantwortung, sondern in der des Mephisto zu verorten sei.
Beide Aussagen haben eine Gemeinsamkeit: Die eine wie die andere Absicht führt zu einem gegenteiligen Resultat. Wir haben es mit einem Dilemma zu tun. Die Absicht etwas zu erreichen, bedeutet Handeln aus Kalkül. Das Handeln wird nicht mehr ausgerichtet an dem, was ist, sondern an dem, was man im Weiteren zu erreichen gedenkt.
Der Zweck heiligt die Mittel: „Ich mache etwas, um zu einem richtigen Ergebnis zu gelangen“ impliziert, zum richtigen Ziel gelangen zu können, indem man falsch abbiegt.
Die Mittel heiligen den Zweck: „Ich gehe den richtigen Weg“ impliziert die Zuversicht auf dem beschwerlicheren Pfad nicht falscher Entscheidungen.
Goethe hatte das ontologisch tiefgründige Phänomen vom Eintreten des „Geistes der Negation“ in der Studierzimmer-Szene des Faust I in den Jahren 1800/1801 konzipiert, also nachdem er seine Zuversicht im Hinblick auf die krachend gescheiterte päpstiche Absicht der Trockenlegung des Sumpfes zur Rettung der Armen tiefergreifend überdenken musste.
DENKEN AUS BETROFFENHEIT
Die kausale Logik der Gegenläufigkeit von Absicht und Resultat ist nicht etwas, was man ergrübeln könnte. Um Mephisto zu verstehen, muss man ihm in die Abgründe der eigenen Innenwelt folgen, ohne den Pakt des Verkaufs der „eigenen Seele“ tatsächlich einzulösen. Man muss durch die „Hölle“ der eigenen Sprachlosigkeit gegenüber dem Unsäglichen (dem erstorbenen Logos) hindurch.
Was bleibt, ist eine tiefgreifende Erschütterung durch die Selbstbetroffenheit in dem Erlebnis der Konfrontation mit der intrinsischen Banalität des Bösen.
Um den Vorgang erkenntnistheoretisch und ontologisch durchleuchten zu können, sollten wir Heidegger auf seinen Denkpfaden in die Tiefen der Sprachlosigkeit im Angesicht der eigenen Selbstbelügungen folgen. „Kein Faschist kann nur der sein, der von sich weiß, dass er durchaus einer sein könnte.“ 2. hat Bazon Brock immer wieder angemahnt.
Heidegger wusste von sich, dass er durchaus ein Faschist sein konnte, denn er hatte sich für eben diesen Weg entschieden. Er wusste um die Falschheit der Absichten seines Handelns, die er auf faustische Weise vor sich selbst zu verbergen versuchte.
Um den falschen Weg in vollem Bewusstsein seiner eigenen Unzulänglichkeit aufrecht gehen zu können, musste er das Fundament seines So-Seins tiefer graben und – damit die wackelige Konstruktion nicht in sich zusammenbricht – das Selbstverständnis seiner selbst provisorisch stabilisieren.
Er stabilisierte die untergrabenen Fundamente seines eigenen – im Denken gefundenen – Seins (= „Ontologie“) provisorisch mit den Stützpfeilern der Selbstbelügung einer Hoffnungslosigkeit, nicht anders (nämlich richtig) handeln zu können:
Innerhalb der Logik (kausalgründiges Denken) ist das „Nicht-richtig-handeln-Können“ zwingend der Fall. Karl Poppers Falsifikationsprinzip zeigt auf, dass wir nicht das Richtige, sondern nur das Falsche verlässlich wissen können.
Intentional (beweggründiges Handeln) geht es jedoch nicht um zwingende Denknotwendigkeiten, sondern um die Freiheit handelnder Anerkenntnis des logisch Zwingenden: Wir können nicht das absolut Richtige tun, wir können nur das als potentiell falsch Erkannte konsequent unterlassen.
HEIDEGGERS AFFINITÄT ZUM FASCHISMUS
Die Heidegger immer wieder vorgeworfene Nähe zum Nationalsozialismus ist historisch belegt. Man sollte dabei allerdings nicht außer acht lassen, dass unter den Deutschen die Zahl derjenigen verschwindend gering war, die keinerlei Schuld als Mittäter, Mitläufer, Wegducker und Weggucker auf sich zu nehmen gehabt hätten.
Selbstverständlich ist die Schuld des Einen nicht durch die Schuld der Anderen zu relativieren. Die Berücksichtigung der Erkenntnis jedoch, dass solche Fehlleistungen nicht vereinzelt, sondern die Norm waren (und es weiterhin sind), macht deutlich, dass wir es hier mit einer Typologie abwegiger Beweggründe zu tun haben.
Die Wissenschaft, die das Verstehen an sich – den unbewegten Beweger als Ausgangspunkt aller Beweggründe Info – hinterfragt, ist die Ontologie.
Wir sollten uns sehr wohl davor hüten, Heidegger in seinen Taten zu folgen. Um seinen ontologischen Fehler, der ihn zu falschem Handeln verleitete, hinreichend nachvollziehen zu können, sollten wir ihm jedoch – mit angemessener Distanz – in die abgründigen Tiefen seines Denkens folgen.
DIE ONTOLOGIE HEIDEGGERS
Gräbt man, sich im eigenen Sein ontologisch hinterfagend, immer tiefer vor zum Urgrund seiner selbst, gelangt man irgendwann an den individuellen Tiefpunkt des eigenen Selbsts, an dem man nicht mehr tiefer zu graben vermag („Ground Zero“). Das ist die ontologische Denkerfahrung der unmittelbaren Selbstbetroffenheit: „Ich stehe vor mir selbst“.
Außer dem Vor-sich-selbst-Stehen gibt es dort nichts mehr. Man befindet sich am Urgrund im Angesicht seiner Selbstbetroffeneit in der völligen Stille tief erlebter Einsamkeit des Verloren-Seins in der geistig-existentiellen Vereinzelung seiner eigenen Individualität.
Man hat sich in seinem In-sich-selbst-hineingraben in der Falle eines Paradoxons verfangen:
Denn im Angesicht der Verlorenheit in der unmittelbaren Denkerfahrung der Vereinzelung des „Ich bin ich“ kann man zählen, solange und sooft man will, da ist nur noch einer:
Um sich selbst gegenüber treten zu können, muss man sich von sich selbst lösen, was man auf gar keinen Fall unvorbereitet versuchen sollte!
Das einzig Vernünftige ist, vor der Falle des existenziellen Urparadoxons zurückzuschrecken, denn nur einen Schritt weiter existiert keine rettende Vernunft mehr, an die man sich klammern könnte. Dort gibt es weder Wissen noch Vernunft, sondern nur noch die Zuversicht eines beständigen Seins im eigenen Nichtwissen, Nichtkönnen und Nichthaben (theologisch als „Glaube“ bezeichnet).
„Die Innerlichkeit, die Gewißheit ist Ernst. Das sieht etwas dürftig aus; wenn ich wenigstens gesagt hätte, sie ist die Subjektivität, die reine Subjektivität, die »übergreifende« Subjektivität – so hätte ich etwas gesagt – was sicher manchen ernst gemacht hätte. Den Ernst kann ich indessen auch auf andere Weise zum Ausdruck bringen, Sobald die Innerlichkeit fehlt, ist der Geist verendlicht.“ (Sören Kierkegaard, „Der Begriff Angst“, Viertes Kapitel, § 2. Die Angst vor dem Guten)
Das Denken versandet an dieser Stelle in Sprachlosigkeit, denn „im Urbeginne war das Wort“ (Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγοs ‚En arkhêi ēn ho lógos‘). Seit dem Urbeginn ist es dort nicht mehr.
Diese Logos-Erfahrung der Selbstbetroffenheit ist ein Nahtoderlebnis des Denkens, ein oszillierendes Flackern im Grubenlicht zwischen dem eigenen Sein und Nichtsein.
Der Logos (in der ursprünglichen Bedeutung des λόγοs) ist eine Trias (‚Dreiheit‘) von Bedeutungselementen, die zusammen eine Bedeutungseinheit bilden:
Der Sinn: Die widerspruchsfreie Logik (Logos) als Gesamtgefüge des Universums all dessen, was gedacht, gesagt und getan werden kann, die Singularität des „Vaters“, des Schöpfers der Welt.
Die Kraft: Die Logik (Logos) als Potential der Verwirklichung als verbindendes Element zwischen der im Denken erstorbenen (‚virtualisierten‘) und der im Gewordensein erstorbenen (materialisierten) Wirklichkeit. Der „heilige Geist“ ist das Prinzip der reinen Beziehung des Gewordenen (Vergangenheit) zum Werdenden (Zukunft) der nichtverkörperten Daseinslosigkeit in der unmittelbaren Geistesgegenwart.
Die Tat: Die Logik (Logos) des widerspruchsfreien (richtigen) Handelns durch Unterlassung widersprüchlichen (falschen) Handelns: Das im logischen Denken erstorbene Potential und die im Sinne des Schöpfers zur Wirklichkeit auferstanden Handlung – als Sinnbild im Namen des „Vaters“, des im „Sohn“ erstorbenen und wieder auferstandenen Wortes als Schöpfungsverwirklichung in der authentischen Tat.
Martin Heidegger hatte in seinen ontologischen Grabungen das Paradoxon des In-sich-erstorben-Seins erreicht. Dem großen Philosophen war ein philosophischer Durchbruch gelungen: „Heureka!“ (εὕρηκα – ‚Ich habe es gefunden!‘).
Heidegger war sich sicher, den „Stein der Weisen“ gefunden zu haben, nämlich sich selbst. Und so hörte er auf, sich weitergehend zu hinterfragen. Die Falle des Paradoxons schnappte zu. Die authentische Tat als auferstehender Akt der christlichen Nächstenliebe blieb aus.
Das Problem der Sprachlosigkeit in der Urerfahrung eigener Selbstbetroffenheit löste er trickreich, indem er – wie Odysseus in der Höhle des Kyklopen Polyphem – das Fundament, auf dem er selbst stand, untergrub:
Odysseus hatte versucht den Kyklopen mit einem Wortspiel zu überlisten: Er bezeichnete sich mit dem Namen „Polymetis“, ein Kunstwort: „Outis“ (Niemand) wird mit „Me tis“ (Nicht-jemand) und „Metis“ (List) kurzgeschlossen. Zunächst kam er mit dieser List durch. Als er im Nachhinein mit seiner List prahlte, sprach sich diese List herum bis zum rachsüchtig wütenden einäugigen Kyklopen, dessen Auge er obendrein verblendet hatte: Odysseus konnte nicht mehr zurück und verlor, auf dem Meer umherirrend, die Heimat, aus der er gekommen war. (Homer, „Odyssee“, 9. und 10. Gesang)
Heidegger erfand eine abstrakte Kunstsprache, mit deren rätselhafter Nichtverstehbarkeit er beeindrucken konnte.
Man kann sich durchaus einbilden, die beeindruckenden Begriffskonstruktionen, mit denen er die Hohlräume des von ihm untergrabenen Fundamentes vor dem Einstürzen abstützte, zu begreifen. Wirklich verstehen kann man das von ihm Gesagte von der Außenseite seiner Begriffshülsen nicht:
„[…] wir müssten dann auch hier den Anspruch auf unmittelbare Verständlichkeit preisgeben. Wir müssen indes gleichwohl zuhören, weil es gilt Unumgängliches, aber Vorläufiges zu denken. Darum darf es weder überraschen noch verwundern, wenn die meisten der Hörer sich an dem Vortrag stoßen. Ob jedoch einige durch den Vortrag jetzt oder später in ein weiteres Nachdenken gelangen, lässt sich nicht ausmachen.“ (s. Tonaufnahme 0:32)
Man kann Martin Heideggers Standort des Denkens jedoch nachvollziehen, indem man sich (sinnbildlich) in die Höhle des Kyklopen begibt und dort die Schönheit des filigranen Aufbaus seiner kunstvoll ausgeführten ontologischen Konstruktionen bestaunt.
Ein eindrucksvolles Zeugnis seiner mystisch-abstrakten und ontologisch tiefgreifenden Ausdruckskunst ist die Tonaufnahme eines Vortrages, den Heidegger im Jahre 1962 zur Darstellung seines Hauptwerkes „Sein und Zeit“ hielt. Tonaufnahme
Ausgesprochen gern beeindruckte er in jungen Jahren als Hochschullehrer zum Leidwesen seiner Ehefrau Elfride seine blutjungen Studentinnen. Besonders angetan hatte es ihm die ihn bewundernde Studentin Hannah Arendt.
Auch hier ging er listig vor. Während er auf die Geliebte in seiner Waldhütte zum Stelldichein wartete, schrieb er an seine Frau Elfride, wie sehr er sie als Frau und Mutter bewundere. Elfride wusste um seine Affairen und auch um die besondere Anziehungskraft, die er für Hannah verspürte. Elfride war verständlicherweise nicht sonderlich gut auf Hannah Arendt zu sprechen.
Die Marburger Erfahrungen waren sowohl für Martin Heidegger als auch für Hannah Arendt einschneidend. Sie war ihm in die „Höhle des Kyklopen“ gefolgt und hatte sich in seine hermetische Sprache eingefunden.
Während ihrer Marburger Zeit sprach sie ganz in der Diktion Heideggers und durchlebte die existenzielle Einsamkeit völliger Vereinzelung. Sie befruchteten einander in ihrem Denken: Heidegger gestand ihr Jahrzehnte später, dass sie die eigentliche Inspirationsquelle seines Schaffens war; für Hannah Arendt wurde die Begegnung zum Keim ihrer späteren politischen Philosophie der Pluralität.
HEIDEGGER ALS FÜHRER DES FÜHRERS
Heidegger hatte das ontologische Sich-selbst-Erfragen an einem entscheidenden Punkt abgebrochen. Er war dort angekommen, wo er sich wähnte. In der Vereinzelung seines Vor-sich-selbst-Stehens glaubte er gefunden zu haben, wonach er suchte: den Seinsgrund als Schöpfung aus sich selbst.
Beim großen Denker des Seins keimte es zwar, doch er verwechselte den Setzling (das Geschöpf) mit dem Gärtner (dem Schöpfer). Er erkor sich das unterhöhlte Fundament seiner selbst in der Anmaßung eines „unbewegten Bewegers“ zum dauerhaften Wohnsitz.
Die Erfahrung des sprachlosen Vor-sich-selbst-Stehens ist eine Nahtoderfahrung des Geistes(Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγοs ‚En archē ēn ho lógos‘). Doch das Leben drängt weiter; man muss durch diese katatonische Grenze hindurchgehen. Der Donnerschlag der Selbstbetroffenheit im Angesicht des „Ich setze mich selbst“ ist nicht das Ziel, sondern lediglich der Ausgangspunkt einer transformierenden Durchgangserfahrung.
Die eigentliche Erneuerung besteht darin, die Quelle denkender Selbstbewahrheitung jederzeit als lebendigen Handlungsimpuls berühren zu können. Das Verharren im „Ich setze mich selbst“ hingegen ist das Ersterben der Bewegung in der Erstarrung: „Ich bin das Gesetz“. Die begriffliche Stützkonstruktion wird zum Gefängnis, die Vereinzelung im Angesicht des Todes zur dogmatischen Festschreibung der sogenannten „Eigentlichkeit “Heideggers:
Lebendiger Vollzug: philosophieren – Statische Erstarrung: Philosoph sein
Lebendiger Vollzug: rechnen – Statische Erstarrung: Mathematiker sein
Lebendiger Vollzug: malen – Statische Erstarrung: Maler sein
Lebendiger Vollzug: schöpfen – Statische Erstarrung: Schöpfer sein
Lebendiger Vollzug: führen – Statische Erstarrung: Führer sein
Heideggers Führungsanspruch als unbewegter Beweger: Seine Hybris bestand darin, zu glauben, die Größe seiner Philosophie könne die geistige Führung der NS-Bewegung übernehmen („den Führer führen“). Heidegger übernahm im April 1933 das Rektorat der Universität Freiburg. Im Mai 1933 wurde er Mitglied der NSDAP.
Er wollte die Universität nicht etwa vor dem Nationalsozialismus retten, sondern sie im Sinne einer revolutionären, existenziellen Radikalität an die Spitze der Bewegung stellen.
Die Hoffnungslosigkeit des handelnden Vollzugs seines philosophischen Größenwahns hatte er augenscheinlich bemerkt, denn er legte das Rektorat bereits im April 1934 nieder.
Im Angesicht der eigenen zur Realität gewordenen Ruinen nach dem „Zusammenbruch“ 1945, versuchte er sich – vor sich und anderen – mit seinem ontologischen Kunst(be)griff der „Geworfenheit“ reinzuwaschen.
Er befand sich in der hoffnungslosen Falle der Selbstbelügung „guter Absichten“, um Gedachtes ungedacht und Geschehenes ungeschehen zu machen; die suggestive Selbsteinredung eines „Ich habe es doch nur gut gemeint…“.
Heidegger verblieb in seiner verkümmerten Nächstenliebe, indem er die „Auferstehung“ aus dem In-sich-erstorben-Sein als Vollzug der authentischen Tat mit einer ontologischen List umging: Er konstruierte den abstrakten Begriff des „Mitseins“.
Für Heidegger ist das „Mitsein“ eine ursprüngliche, existenziale Struktur des Daseins auf normativer Ebene:
Der Mensch ist nicht erst allein und sucht sich dann eine Gemeinschaft; das Dasein ist für ihn wesenhaft immer schon Mitsein – selbst dann, wenn man physisch einsam und vereinzelt auf einer Insel leben würde.
Aus den Luftschlössern der kunstvollen Philosophisterei auf den Boden der Tatsachen gestellt, können wir die zugrunde liegende Beweggrund-Logik des Dilemmas „Hoffnungslosigkeit der Selbstbelügung“ in Abwandlung eines Sprichwortes offen legen:
„Wer sich selbst belügt, der glaubt sich nicht, selbst dann, wenn er die Wahrheit spricht.“
Hoffnungslosigkeit ist das Verfangensein in der iterierenden Unentrinnbarkeit der Wiederholung des ewig Gleichen, in der Informatik unprätentiös als „infinite Rekursion mit fatalem Speicherüberlauf“ bekannt.
BANALITÄT DES BÖSEN
Hannah Arendt verließ Marburg und Heidegger, auf dessen Rat hin sie bei ihrem Dokorvater Karl Jaspers ihre Dissertation mit dem Titel „Der Liebesbegriff bei Augustin“ verfasste. Philosophisterei aus der Erstarrung im „Philosoph sein“ war nicht ihre Welt. Sie philosophierte aus dem lebendigen Bezug ihres eigenen Seinsgrundes, den sie im Erwachen ihrer Selbstbetroffenheit in Marburg erfahren hatte.
Die Episode ihrer Hingabe an Martin Heidegger beschrieb sie in schonungsloser Selbstkritik anhand Augustins Liebe als „cupiditas“ (Begierde), dem Verfallen an die Welt.
Die Versandung in der von ihr mitvollzogenen Einsamkeit der Vereinzelung Heideggers legte sie mit Augustins „dispersio“ (Zerstreuung) als Verlust des eigenen Selbsts offen.
Heidegger hatte seinen Wohnsitz in der Vereinzelung gewählt und unterließ, sich weitergehend selbst zu hinterfragen. Die Beweggründigkeit, die sie an Heideggers Seite in dessen Vereinzelung erlebt, schmerzlich erfahren und analysiert hatte, erkannte sie als Unsicherheit und Eitelkeit des Menschlichen. Was sie aus der Vereinzelung heraus voran trieb, war die „curiositas“ (Neugier) des fortwährenden Prozesses des Hinterfragens.
„Dieser Flucht vor sich selbst stellt Augustin das ‚se quaerere‘ [sich selbst suchen] entgegen: quaestio mihi factus sum [ich bin mir selbst zur Frage geworden], das Sich-selbst-erfragen. In dieser Rückkehr zu sich selbst findet er Gott.
[…] Das heißt aber, in dem Augenblick, da ich anfange, mich zu hinterfragen, gehöre ich schon nicht mehr zur Welt […] sondern zu Gott […]“ 3.
Hannah Arendt ging den Weg des iterierenden, kontinuierlich fortschreitenden Prozesses des Sich-selbst-Verlierens im überpersönlichen Sein und erneuten Sich-selbst-Setzens in die Welt in ihrer Beschäftigung mit der „vita socialis“ (gesellschaftliches Leben), den Weg hin zum „amor mundi“ (der Liebe zur Welt). Die Idee, dass Freiheit nur im gemeinsamen, sichtbaren Handeln mit Anderen existieren kann, darin lag für Hannah Arendt der Keim ihrer späteren politischen Theorie der Pluralität.
Hannah Arendt war durch die Falle des existenziellen Urparadoxon hindurchgegangen, während Martin Heidegger sich dort häuslich eingerichtet hatte. Sie war ihm in der Affaire „in die Falle gegangen“. In ihren „Denktagebüchern“ findet sich aus dem Jahre 1953 ein – von ihr selbst unveröffentliches – Gleichnis, das nur auszugsweise angeführt sei:
„Heidegger sagt, ganz stolz: »Die Leute sagen, der Heidegger ist ein Fuchs.« Dies ist die wahre Geschichte von dem Fuchs Heidegger:
Es war einmal ein Fuchs, dem gebrach es so an Schläue, dass er nicht nur in Fallen ständig geriet, sondern den Unterschied zwischen einer Falle und einer Nichtfalle nicht wahrnehmen konnte.
[…]
Er baute sich eine Falle als Fuchsbau, setzte sich in sie, gab sie für einen normalen Bau aus (nicht aus Schläue, sondern weil er immer schon die Fallen der Anderen für deren Baue gehalten hatte), beschloss aber, auf seine Weise schlau zu werden und seine selbstverfertigte Falle, die nur für ihn passte, für andere auszubauen.
[…]
Wollte man ihn im Bau, wo er zuhause war, besuchen, musste man in seine Falle gehen. Aus der freilich konnte jeder herausspazieren, außer ihm selbst. Sie war ihm wort-wörtlich auf den Leib geschnitten. Der Fallen-bewohnende Fuchs aber sagte stolz: So viele gehen in meine Falle, ich bin der beste aller Füchse geworden. Und auch daran war etwas Wahres: Niemand kennt das Fallenwesen besser, als wer zeitlebens in einer Falle sitzt.“ 4.
DAS MAHNMAL IM SUMPF
Die Banalität des Bösen ist fern aller philosophischen Schwadronierereien, die Hannah Ahrendt als vermeintliche „Gegenargumente“ aus der Welt der intellektuellen Spekulierer entgegenschlugen. 5. (Info)
Die „Banalität des Bösen“ war ihr spontaner Ausdruck der Erschütterung durch die Erkenntnis der Selbstbetroffenheit im tiefsten Grunde ihrer selbst. Hannah Ahrendt hielt aus dem Geiste ihres Betroffenseins im Jahre 1969 die bereits oben angeführte Rede, in der sie Heidegger zu dessen achtzigstem Geburtstag würdigte und ihn gleichzeitig – an der Oberfläche nicht allzu offensichtlich – rhetorisch demontierte. Sie schloss ihren Vortrag mit folgenden Worten:
„[…] die Neigung zum Tyrannischen lässt sich theoretisch bei fast allen großen Denkern nachweisen. Kant ist die große Ausnahme. Und wenn diese Neigung, in dem was sie taten, nicht nachweisbar ist, so nur, weil sehr wenige, selbst unter ihnen, über das Vermögen vor dem Einfachen zu erstaunen hinaus bereit waren, dieses Erstaunen als Wohnsitz anzunehmen.
Und bei diesen Wenigen, meine Damen und Herren, ist es letztlich gleichgültig, wohin die Stürme ihres Jahrhunderts sie verschlagen mögen, denn der Sturm, der durch das Denken Heideggers zieht wie der, welcher uns nach Jahrtausenden noch aus dem Werk Platos entgegen weht, stammt nicht aus dem Jahrhundert.
Und was er hinterlässt ist ein Vollendetes, das wie alles Vollendete heimfällt zum Uralten.“ Tonaufnahme
Die Neigung zum Tyrannischen: Sie ist bei Heidegger nachweisbar, da er das Erstaunen vor der Einzigartigkeit (dem Einfachen als Singularität des sich selbst schöpfenden Schöpfers) als Wohnsitz (gewissermaßen als „Sitz des Schöpfers“) anzunehmen bereit war.
Die Verführung der Tyrannen: Hannah Arendt zieht eine historische Parallele zu Platon, der einst nach Syrakus reiste, um den Tyrannen Dionysios zu beeinflussen und kläglich scheiterte.
Das Vollendete: Es gibt nichts Vollendetes außer Gott, dem Schöpfer der Welt.
Zu Hannah Arendts Schlusssatz:
Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ Λόγος, καὶ ὁ Λόγος ἦν πρὸς τὸν Θεόν, καὶ Θεὸς ἦν ὁ Λόγος.
‚En arkhêi ên ho Lógos, kaì ho Lógos ên pròs tòn Theón, kaì Theòs ên ho Lógos.‘
„Im Urbeginne war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“
Mit diesen Worten beginnt das Evangelium des Johannes, der den Logos beschreibt, der bei Gott war, und der nicht mehr bei Gott ist.
Die „Fleischwerdung“ des Logos ist keine „Eigentlichkeit“ der Gewordenheit des Schöpfers, wie es Heidegger für sich selbst verstanden wissen wollte.
Der Prozess entspricht eher seinem Begriff der Geworfenheit(ungefragt in die Welt geworfen worden zu sein): Der Freiheitsmoment, an dem es eigenverantwortlich zu entscheiden gilt, in Anerkenntnis der Notwendigkeit des Logos zu handeln, oder in der Selbstbelügung durch absichtliches Missverstehen mitsamt dem Thron der eigenen Inthronisierung gottgleicher Hybris im Sumpf seiner selbst zu versinken.
Hannah Arendt war eine flammende, dem Antisemitismus mit der Kraft ihrer Worte unerschrocken entgegentretende Jüdin – ebenso flammend wie der brennende Dornbusch, der sich im Feuer nicht verzehrt (Exodus 3.2). Aus dem Dornbusch sprach Gott in uralter Zeit zu Moses in hebräischer Sprache:
אֶהְיֶה אֲשֶׁר אֶהְיֶה
ʾehyeh ʾăšer ʾehyeh
„Ich bin, der ich sein werde“
Das Uralte des Seins: der Logos als lebendiges fortwährendes Werden der Einheit von Sinn, Kraft und Tat.
Heideggers Fuchsfalle der Erstarrung des Logos im „Ich bin ich“ in der Hybris eines den Führer führenden Führers ist das Verhängnis, an dem sowohl Platon als auch Heidegger und andere „Sumpftrockenleger“ – in ewiger Wiederholung des Gleichen – das am unumstößlichen Gesetz (Nomos) des Seins scheitert. Was Heidegger hinterlässt, ist der von „Eigentlichkeit“ unverbaute Weg heim zum „Eigentlichen“(dem Urbeginn des Logos):
„Und was er hinterlässt ist ein Vollendetes, das wie alles Vollendete heimfällt zum Uralten.“
Hannah Arendt vertrat offensiv, dass auch jenes, was man nicht ändern kann, dennoch, in Zuversicht der Veränderlichkeit zum Guten, ausgesprochen werden müsse, da man sich sonst mitschuldig mache.
כֹּה תֹאמַר לִבְנֵי יִשְׂרָאֵל אֶהְיֶה שְׁלָחַנִי אֲלֵיכֶם
Kōh tōmar livnê Yiśrā’ēl: ’Ehyeh šəlāḥanî ’ălêḵem
„So sollst du zu den Israeliten sagen: der Ich-sein-werde hat mich zu euch gesandt.“ (Exodus 3.14)
DIE SCHMERZLICHE WAHRHEIT
„Zur hermeneutischen Wahrheit gehört indes, dass sie sich nur im Vollzug erfahren lässt. Dies muss aber nicht im Sinne des Pragmatismus eine Wahrheit sein, die mir »passt« oder die mir nützlich ist. Denn die sog. »schmerzliche Wahrheit« – die ja für unser endliches Dasein keine entlegene Erfahrung ist – gehört auch und erst recht zur hermeneutischen Erfahrung. Sie ist eine Wahrheit, die mich betrifft und vielleicht direkter und objektiver als jede von mir unbeabsichtigte Wahrheit, auch wenn sie von keinem anderen nachvollzogen werden kann.“ 6.
Hans-Georg Gadamer, der Heidegger persönlich kannte und als Denker zu würdigen verstand, erkannte den gravierenden Fehler im ontologischen Fundament Heideggers. Er verwies auf die Selbstlüge der Hoffnungslosigkeit und zeigte hermeneutisch die unbedingte (nicht kausale begründbare)Notwendigkeit von Zuversicht auf.
Die der „Banalität des Bösen“ zugrunde liegende Logik der Beweggründe besteht in der stillen Selbstbelügung mit der sich vorgaukelnden Hoffnungslosigkeit, aus sich selbst heraus ohnehin keinen Weg aus der eigenen Unzulänglichkeit und Schweinehündigkeit bahnen zu können. In der kausalen Logik ist das eigene Sein in seinem Sich-selbst-verstehen-wollen(warum, weshalb, darum, deshalb) hoffnungslos verloren.
Die absichtslose – und denknotwendig aussichtslose – Beweggründigkeit des eigenen Handelns, angetrieben vom Impuls der Hoffnung und Zuversicht(„ich gehe den richtigen Weg“) kann man nicht beabsichtigen, denn die Zuversicht, aus der die eigene Kraft der Unterlassung des Falschen erwächst, ist bereits der richtige Weg. Man kann ihn, falls man überhaupt dazu bereit sein sollte, konsequent vorangehen.
„Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden“ 7.
So lautet ein Theorem Kierkegaards, das dieses Phänomen mit metaphysikalischer Präzision erhellt (Impuls und Raum sind nicht gleichzeitig bestimmbar).
Hannah Arendt hat die Stützkonstruktion der Höhle der Absichten unter dem Fundament des Seins freigelegt und deutlich sichtbar gemacht.
Hans-Georg Gadamer hat Heidegger nicht widerlegt, wie manchmal behauptet wird. Beweggründe sind nicht logisch widerlegbar, denn sie sind eine Tatsache. Er hat vielmehr den Hohlraum unter dem Fundament der Metaphysik mit Zuversicht gefüllt.
Wer Martin Heidegger als Nationalsozialisten verteufelt und meint, mit der Externalisierung von Schuld sei dem Genüge getan, läuft Gefahr, sich selbst in der Falle faustischer Selbstbelügung zu verfangen. Man sollte sich von Mephisto als Geist der Negation nicht leiten lassen, aber man täte gut daran, seine Hinweise als „Mahnmal der Scham“ regelmäßig mit dem ihm gebührenden Respekt aufsuchen.
Um Fehler zu bemerken, daraufhin zu analysieren und künftig zu vermeiden, müssen die Fehler zunächst einmal gemacht und als Fehler anerkannt worden sein.
Und eben diese Tatsache gilt es zu würdigen, um der nicht enden wollenden „infiniten Rekursion mit fatalem Speicherüberlauf“ immerfort scheiternder Sumpftrockenlegungen in der Geschichte de Menschwerdung ein Ende zu bereiten.
DIE RUINEN DER BANALITÄT DES BÖSEN
Die Tragödie des Faust begann, als er die Warnung des Mephisto nicht verstand, weil er sie nicht verstehen wollte. Der Einsturz der Selbstbelügungen sind die Ruinen, in der die Auferstehung von Zuversicht und Hoffnung den Ewigkeitsanspruch unseres Seins einlösen. Die Externalisierung des Ewigkeitsanspruches führt zu den Ruinen der Selbstbehauptung, dem irren Hirngespinst illusionierter tausendjähriger Reiche, um den eigenen Ewigkeitsanspruch als Aufbau durch Zerstörung(der Zweck heiligt die Mittel) zu zelebrieren.
Goethe hatte Zuversicht, Papst Pius VI. hatte Absichten. Obwohl das Vorhaben als Rettungswerk für die Armen deklariert worden war, kippte es in eine faustische Tragödie um:
Goethes Mephisto hatte Faust unmissverständlich vor einer Umsetzung seiner Absichten in die Tat gewarnt:
MEPHISTO:
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Darum besser wär's, daß nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
Mein eigentliches Element. 8.
Und es kam wie es kommen musste, das gigantomanische päpstliche Projekt scheiterte:
Enorme Kosten und Steuerlast: Die gigantischen Erdarbeiten verschlangen Unsummen der päpstlichen Kasse. Um das Projekt zu finanzieren, mussten neue Steuern erhoben werden, was ausgerechnet die ärmere Bevölkerung im Kirchenstaat weiter verelendete.
Nepotismus statt Volkseigentum: Die mühsam trockengelegten Ländereien wurden keineswegs an ein „freies Volk“ verteilt. Pius VI. übereignete riesige Parzellen des gewonnenen Bodens an seinen eigenen Neffen, den Herzog Luigi Braschi-Onesti. Aus dem erhofften Gemeinwohl wurde ein monumentales Bereicherungsprojekt der eigenen Familie.
Die Rache des Sumpfes: Da die Ingenieure die Gebirgsflüsse (wie den Amaseno) und das fehlende natürliche Gefälle zum Meer unterschätzten, versandeten die Kanäle rasch wieder. Die Natur eroberte sich den faulen Pfuhl zurück.
DICHTUNG AUS FAUSTISCHER BETROFFENHEIT
Goethe hatte die Tragödie des Faust von der Planung des Urfaust im Jahre 1770 bis zur Veröffentlichung des Faust II im Jahre 1832, wenige Monate nach seinem Tod, 60 Jahre lang durchlebt. Er ist gewissermaßen nahezu zeitgleich mit seinem Faust verstorben. Die schicksalsträchtige Bedeutung der pontinischen Sümpfe hatten ihn offensichtlich in einer Art und Weise bewegt, die mit der Betroffenheit Hannah Ahrendts im Angesicht der „Banalität des Bösen“ vergleichbar ist.
Nach dem pontinischen Fehlschlag guter päpstlicher Absichten, die sich durch ihre Umsetzung als Tat in der Negation zu üblen Resultaten wendeten, baute er in der Figur des Mephisto den Geist der Negation ein. Die Begegnung Fausts mit dem Geist der Negation wurde in seinem Werk zum Ausgangspunkt der Tragödie. Er spannte den Bedeutungsbogen bis zum Tode des Fausts, der mit dem größenwahnsinnigen Hirngespinst einer Realisierung der Trockenlegung der pontinischen Sümpfe sterbend in sich zusammenbrach.
Goethe ließ die faustische imperiale Hybris der Wiedererlangung einer „paradiesischen Landschaft“, die dieser mit einer menschenunwürdigen ABM-Maßnahme zu realisieren spintisierte, durch den sterbenden Faust im fünften Akt vor dem Großen Vorhof des Palastes mit dem Klang eines Mahnmals klirrender Spaten der Lemuren ausklingen: 9.
FAUST:
Aufseher! MEPHISTO:
Hier! FAUST:
Wie es auch möglich sei,
Arbeiter schaffe Meng' auf Menge,
Ermuntere durch Genuß und Strenge,
Bezahle, locke, presse bei!
Mit jedem Tage will ich Nachricht haben,
Wie sich verlängt der unternommene Graben. MEPHISTO halblaut:
Man spricht, wie man mir Nachricht gab,
Von keinem Graben, doch vom Grab. FAUST:
Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
Verpestet alles schon Errungene;
Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
Das Letzte wär' das Höchsterrungene.
Eröffn' ich Räume vielen Millionen,
Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.
[…]
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft' ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön! Video
Anschließend sinkt Faust zurück und stirbt. Die Lemuren legen ihn zu Boden und schaufeln mit ihren Spaten ein Grab. Mephisto seufzt: „Ihn sättigt keine Lust, ihm g’nügt kein Glück, den letzten schlechten leeren Augenblick, der Arme wünscht ihn festzuhalten.“. Der Chor der Lemuren ruft: „Es ist vorbei“ :
MEPHISTO:
Vorbei! Ein dummes Wort,
Warum vorbei?
Vorbei und reines Nicht, vollkommnes Einerlei!
Was soll uns denn das ew'ge Schaffen!
Geschaffenes zu nichts hinwegzuraffen!
„Da ist's vorbei!“ Was ist daran zu lesen?
Es ist so gut, als wär es nicht gewesen,
Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre.
Ich liebte mir dafür das Ewig-Leere.
ES IST NOCH NICHT VORBEI
Eine erneute eindringleiche Warnung durch den Geist der Negation, deren schauerlicher Sinngehalt bis heute weitgehend ungehört geblieben ist. Die Lemuren hatten sich geirrt, denn es war längst noch nicht vorbei. Die Tragödie des Faust überdauerte in der Tragödie der pontinischen Sümpfe bis in die Neuzeit.
1. Johann Wolfgang von Goethe, „Italienische Reise“, aus „Goethes Werke“, Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, Hrg. Erich Trunz, Christian Wegner Verlag, Hamburg 1989, 14. Auflage, Band 11, S. 179 f
2. Bazon Brock, „Theoreme“, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2020, 2. Auflage, S. 349
3. Hannah Arendt, „Der Liebesbegriff bei Augustin“, Piper Verlag GmbH, München 2021, 2. Auflage 2025, S. 36 f
4. Hannah Arendt: Denktagebuch 1950–1973, hrsg. von Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann, Piper Verlag, München 2020/2022, Heft XVIII (Juli 1953), Eintrag [43], S. 403 f.
5. Vgl. Hannah Arendt, „Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur?“, Piper Verlag GmbH, München 2018, 6. Auflage 2020, S. 7 ff.
6. Jean Grondin „Von Heidegger zu Gadamer – Unterwegs zur Hermeneutik“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2001, S. 71 ff
7.Søren Kierkegaard: Die Tagebücher 1834–1855. Ausgewählt und übertragen von Theodor Haecker, Kösel-Verlag, München 1953 (vgl. kritische Gesamtausgabe Søren Kierkegaards Skrifter, Bd. 18, Kopenhagen 2001, Journal JJ:167, 1843, S. 194).
8. Johann Wolfgang von Goethe, „Faust – Eine Tragödie“, Zeile 1338-1344, aus „Goethes Werke“, Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, Hrg. Erich Trunz, Christian Wegner Verlag, Hamburg 1989, 14. Auflage, Band 3
9. Johann Wolfgang von Goethe, „Faust – Eine Tragödie“, ebd. Zeile 11551-11606