Logos & Logik

Eine mäeutische Annäherung
Autor: W. Redelius - Sept. 2026 - (E9)
Die Akropolis in Athen
Leo von Klenze:
Die Akropolis in Athen, 1846 (PD)

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Teil 1 – Kraft der Demokratie versus Macht des Demokratismus

KRATIE – KRAFT ODER MACHT?

„Was wir tatsächlich mit Information meinen – die elementare Informationseinheit – ist ein Unterschied, der einen Unterschied ausmacht […]“  1.

Der Begriff Demokratie bedeute „Volksherrschaft“, so heißt es jedenfalls mit dem Anspruch einer Selbstverständlichkeit, die es für Sokratiker zu hinterfragen gilt…

In der griechischen Antike, der Wiege der europäischen Demokratie, befanden sich gegensätzliche Begriffe des logischen Denkens in ihrer Bedeutung noch in einer bipolaren Beziehung zueinander. Diese Beziehung ging nach der Zeitenwende nach und nach in der unipolaren Logik des abstrakten Denkens verloren.

Ein häufiger Einwand gegen das sokratische Hinterfragen lautet, man könne doch nicht „Äpfel mit Birnen vergleichen“. Die Entgegnung ist so einfach wie ontologisch erhellend:
Selbstverständlich kann man das, sobald man begreift, dass beide Früchte Rosengewächse (Rosaceae) sind. Der Denkfehler liegt nicht im Vergleichen, sondern in einem Kategorienfehler der Ebene:
Wer die partikularen Eigenschaften der Birne zur Wesensbedingung des Apfels erklärt, verliert den Blick für die übergeordnete Gattung, in der beide ihr gemeinsames Sein haben.

Im Denken der griechischen Antike zur Zeit des Entstehens der attischen Demokratie (5. Jahrhundert v. Chr.), verhielt es sich mit dem Wesen des Politischen spiegelbildlich.
Die Griechen kannten kein amorphes, homogenisierendes Abstraktum wie unser modernes Kollektivwort „Volk“.
Wenn sie von Gemeinschaft sprachen, meinten sie keinen festgefrorenen Block, sondern ein lebendiges, hochdifferenziertes Beziehungsgefüge. Und wenn sie von „kratos“ sprachen, dachten sie nicht an „Herrschaft“ im Sinne eines Unterwerfungsinstrumentes, sondern an eine bipolare Ganzheit: an die innere Festigkeit und Selbstbestimmung (Kraft) ebenso wie an deren gestaltenden Vollzug in der Welt (Macht).

Um diesen Gedanken anschaulicher zu machen, eignet sich das Bild (Mechanik-Metahper) einer klassischen Balkenwaage:

In einer vitalen Bürgergemeinschaft sind Kraft und Macht dann als Spannungsbogen dasselbe, wenn das Zünglein frei schwingen darf.
Die Ordnung erstarrt nicht zum Dogma, sondern erhält sich als kontinuierlicher, sich stetig auspendelnder Ausgleichsprozess, in dem sich die Gegensätze nicht vernichten, sondern gegenseitig in Relation zueinander abwägen und die Abweichungstoleranzen einhegen.

Auch der Umfang von Abweichungstoleranzen selbst ist nicht statisch, sondern immerfort an den konkreten Sachverhalten neu zu bestimmen.

Beispiel: Lobeliensamen haben ein Tausendkorngewicht von etwa 0,031 Gramm. Die 100 Samenkörner in einem Samentütchen wiegen 0,0031 Gramm. Fehlten in einem Tütchen 20 %, wäre die Abweichungstoleranz bei 0,00062 Gramm signifikant überstrapaziert. Bei einem Sack mit Saatkartoffeln hingegen wäre die Reklamation einer Abweichung von 0,00062 Gramm grotesk.
Leider stößt man in deutsch-normativen Erdenkungen immer wieder auf derartige Grotesken. Beim Punktekatalog des Fahrerlaubnisrechts z. B. wird bei 8 Punkten die Fahrerlaubnis entzogen – einerlei, ob es sich um einen Gelegenheitsfahrer mit 1000 km/a an sonntäglichen Vergnügungsfahrten, oder einen Berufskraftfahrer mit 100.000 km/a an Fahrleistung zur Erzielung seines Lebensunterhaltes handelt.

Wird dieser feine Schwingungsraum durch den Anspruch absoluter Herrschaft zerstört – will eine Partei die gegnerische Schale gewaltsam aus der Aufhängung reißen oder das Zünglein am Gehäuse festschweißen –, schlägt das lebendige Kräftespiel in sein Gegenteil um. Die Waage zerbricht, und an die Stelle des atmenden Gleichgewichts tritt die unerbittliche Mechanik eines Schwingers, der zwischen den Abgründen hin- und hergerissen wird.

SCHOPENHAUERS PENDEL UND DIE WAAGE DER POLIS

„Die Einrichtung der menschlichen Gesellschaft schwebt wie ein Pendel zwischen zwei Anstößen, zwei polarisch sich entgegengesetzten Übeln: Despotismus und Anarchie. Soweit sie vom Einen sich entfernt, soviel nähert sich dem Anderen. Dabei gerät Jeder auf den Gedanken daß die gerade Mitte das Rechte wäre. Aber weit gefehlt! Denn jene zwei Uebel sind keineswegs gleich schlimm und gefährlich; sondern das erstere ist ungleich weniger zu fürchten: seine Schläge sind zunächst bloß in der Möglichkeit vorhanden und treffen, auch wenn sie wirklich kommen, nur Einen unter Millionen. Bei der Anarchie ist Möglichkeit und Wirklichkeit unzertrennlich: ihre Schläge treffen Jeden und täglich- – Also soll jede Verfassung sich viel mehr der Despotie, als der Anarchie nähern: ja, sie muß eine kleine Möglichkeit des Despotismus enthalten.“  2.

Wer diese Zeilen Schopenhauers mit den Schablonen eines modernen, monopolaren Denkens lesen würde, verfiele unweigerlich einem fatalen Irrtum:
Er würde ein Plädoyer für den absolutistischen Obrigkeitsstaat vor sich wähnen. Man könnte meinen, Schopenhauer platziere den „Despotismus“ in die eine und die „Anarchie“ in die andere Waagschale, um sich dann statisch für die Erstarrung in Despotie zu entscheiden. Doch weit gefehlt – ein solches Urteil hätte den dynamischen Pendelschlag mit einem statisch erstarrten Zustand verwechselt.

Schopenhauers Pole beschreiben keine wählbaren Regierungsformen, sondern die Grenzwerte einer elementaren Wechselwirkung:

Der entscheidende Schlüssel liegt in Schopenhauers Diktum, jede Verfassung müsse eine kleine Möglichkeit der Despotie“ enthalten. Er meint keineswegs die Errichtung einer Diktatur, sondern das, was die Physik als Rückstellkraft oder Dämpfung kennt:
Ein Pendel, das frei schwingt, benötigt an seinen Wendepunkten die latente Kraft der Umkehr. Droht die Bewegung über die tragfähige Abweichungstoleranz hinauszuschießen und im Abgrund der Desorganisation zu zerschellen, bedarf es des formierenden Widerstands. Die Macht ist hier kein Selbstzweck, sondern eine funktionale Notwendigkeit der Einhegung.

Das Verhängnis der Moderne beginnt genau dort, wo diese funktionale Wechselwirkung in institutionalisierte Macht erstarrt:

  1. Die Auslöschung des Intervalls: Das monopolar erstarrte Kalkül begreift nicht, dass auch die „Mitte“ kein starrer Fixpunkt ist, sondern ein atmendes Schwingen um die Nulllinie. Es teilt die Welt statisch in Links und Rechts, in Konform und Abweichend und versucht, das Zünglein der Waage am Rand festzuschrauben.
  2. Der Umschlag zum Despotismus: Wenn die „kleine Möglichkeit“ zur permanenten Herrschaftsstruktur versteinert – wenn Macht nicht mehr als elastischer Gegenimpuls bei Grenzüberschreitungen dient, sondern den gesamten Schwingungsraum betoniert –, wird aus der Schopenhauer’schen Rückstellkraft jener zerstörerische Schwinger, der die Waage der Polis zerschlägt.

Die gerade Mitte ist kein Ort, an dem man sein Lager aufschlägt. Die sich adaptierende Mitte ist eine dynamische Durchgangszone des gesellschaftlichen Lebens, die nur dadurch lebendig bleibt, dass das Spiel der Kräfte weder in der Formlosigkeit der Anarchie verweht noch unter der bleiernen Decke institutionalisierter Allmacht erstickt.

DAS DEMOKRATISMUS-GESPENST

[…] und weil des Schreckens kein Ende ist, wenn immer nur wieder Schuld und Gewalt mit Schuld und Gewalt bezahlt werden soll. Mit Unrecht, weil die Vergangenheit, der man entrinnen möchte, noch höchst lebendig ist. Der Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, ob bloß als Gespenst dessen, was so ungeheuerlich war, dass es am eigenen Tod noch nicht starb, oder ob es gar nicht erst zum Tode kam, ob die Bereitschaft zum unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen die sie umklammern.
Ich möchte nicht auf die Frage neonazistischer Organisationen eingehen […] ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie. Unterwanderung bezeichnet ein Objektives; nur darum machen zwielichtige Figuren ihr come back in Machtpositionen, weil ihre Verhältnisse sie begünstigen. (Theodor W. Adorno in einer Radioansprache 1959)  Tonaufnahme

SEMANTISCHES ÜBERDAUERN DES VERGANGENEN

Adorno sprach hier nicht als ein Voodoo-Priester, der Be- oder Verschwörungen fürchtet, sondern als geschichtsphilosophischer Seismograph. Er sprach vom „Nachleben“ eines Systems, das an seinem eigenen Ende nicht verging und es stellt sich die elementare Frage: Wo und worin nistet ein solches fortwesendes Gespenst?

Die Antwort liegt in der Eigenzeitlichkeit des Bewusstseins. Alles in der Welt ist vergänglich – bis auf das Vergangene, das nicht vergehen kann, weil es bereits vergangen ist:
Indem ein Ereignis sich vollzieht, indem ein Satz ausgesprochen und ein Begriff in die Welt gesetzt wird, tritt er aus der Kontingenz des Werdens heraus und erlangt im Präteritum eine unverrückbare Dauer.
Das semantische Bedeutungsgefüge bleibt – unauslöschlich im sprachlichen Gewebe der Geschichte eingeschrieben – , wie der infinitesimale Rest einer traditionellen chinesischen „Ewigen Suppe“ (Bǎinián Lǔshuǐ ‚Meistersuppe‘), in der ein Rest im Topf als Ansatz für die nächste Suppe verbleibt und von Ansatz zu Ansatz über Jahre und Generationen weitergegeben wird.

Die Nahrung des menschlichen Bewusstseins aber ist die Sprache. Sie besteht nicht aus flüchtigen Schallwellen, sondern formiert jenes symbolische Bedeutungsgefüge, das wir Wirklichkeit nennen: die Semantik. Das „Gespenst“ überdauert nicht in geheimen Zirkeln oder verstaubten Emblemen; es überwintert in Denkmustern, in grammatikalischen Reflexen und vor allem in der fortschreitenden Verkrustung unserer Begriffe.

Solche Denkmuster nisten sich oft unbemerkt in alltägliche Sprachgewohnheiten ein und „wesen dort unsäglich fort“ – sie wirken unterhalb der Schwelle des Bewusstseins weiter:

Ein Beispiel von vielen – Der inhumane Akkusativ: In der Sprache des Nationalsozialismus wurden Menschen (nicht nur semantisch) zu Objekten degradiert:
Der Akkusativ markiert Objekte: Im Satz „der Händler liefert dem Kunden Waren“ ist die Ware (Akkusativ) das Objekt und der Kunde (Dativ) das Subjekt, das die Ware empfängt. Im Satz „Der Händler beliefert den Kunden“ hingegen ist der Kunde das Objekt (Akkusativ).

„Prototyp dieser enthumanisierenden Transitverben sind diejenigen, welche »mit der fatal herrschsüchtigen Vorsilbe be-« ausgerüstet sind. »Dieses be- drückt nicht bloß ein selbstsüchtiges Hinzielen auf den Gegenstand aus, … sondern eine Unterwerfung des Gegenstands … Dieses be- gleicht einer Krallenpfote, die das Objekt umgreift und derart zu einem eigentlichen und auschließlichen Objekt macht«“  3.

Die Vorsilbe be- erzwingt, bis auf wenige Ausnahmen, einen objektivierenden Akkusativ. Der trieb während des Nationalsozialismus Blüten, die in unserem Sprachgebrauch nach wie vor überrepräsentiert sind: beamten oder gar verbeamten, bevollmächtigen, beschlagnahmen, beschulen, bezuschussen, bevorraten, bemuttern, beklagen usw. usf.

DER GEGENSINN DER URWORTE

Der Sprachforscher Karl Abel  4. legte dar, dass die menschliche Sprache an ihrem Ursprung bipolar veranlagt war: Die Urworte trugen den Gegensinn ungeteilt in sich; stark und schwach, hoch und tief, heilig und verflucht teilten denselben Stamm. Man verstand das Eine überhaupt nur durch das Dazwischen, durch die unmittelbare Anschauung des Anderen.

Im Zuge einer monopolar verengten Machtlogik ging diese intuitive Ganzheit verloren. Doch der verdrängte Gegensinn ist nicht tot; in der deutschen Sprache hat er sich in der Unterdeterminiertheit zusammengesetzter Nomen eine unheimliche Bastion bewahrt. Komposita wirken vordergründig wie festgefügte Blöcke, tragen jedoch eine sich kreuzende Richtungsambivalenz in eine gegenteilige (kontrafaktische) Bedeutungsumkehr in sich.

Einen exakten Kippunkt von faktischer zu kontrafaktischer Bedeutung gibt es nicht, da beide Pole sich im Sowohl ↔ Als-auch der Wirklichkeit durchdringen:

An einer Hundeleine befinden sich stets zwei Wesen: Herr und Hund. Das bloße Nomen „Hundeführung“ verrät mitnichten, wer wen an der Leine führt; so mancher Hunde-Herr wird vom Hund an der Leine hinterhergezerrt, während er krampfhaft die ‚Herrenleine‘ umklammert.

ERSTARRUNG IM DEMOKRATISMUS

Genau an dieser semiotischen Leine vollzieht sich der unmerkliche Umschlag von der Demokratie in den Demokratismus:

Semantische Bedeutungen besitzen keine scharfen Schnittkanten oder perforierten Abreißlinien. Sie sind wolkige, diffuse Schwingungsfelder. Der Kipppunkt, an dem die Kraft des Volkes (seine intrinsische Selbstbestimmung) in die Macht über das Volk (extrinsische Disziplinierung) kippt, entzieht sich dem oberflächlichen Blick.

Wer der Vorstellung erliegt, Sprachbedeutungen seien bloße, beliebig aushandelbare Konventionen nach Art eines pragmatischen Sprachspiels, übersieht die unter totalitären Umständen zerstörerische Trägheit semantischer Formen. Wenn eine Verfassungsgemeinschaft ihre Begriffe nicht ununterbrochen sokratisch hinterfragt, beginnt der Apparat, die Richtung der Leine umzukehren:

  1. Die Auslöschung des Subjekts: Das Volk wird aus dem Subjekt der Selbstermächtigung zum Objekt administrativer Fürsorge und Überwachung degradiert.
  2. Die Selbstermächtigung der Hohlform: Unter der fortlaufend deklamierten Parole der „Volksherrschaft“ etabliert sich eine Regierungsweise, die jede abweichende Ansicht als Angriff auf das System kriminalisiert.
  3. Das Fortwesen des Autoritären: Hier schließt sich der Kreis zu Adornos Warnung: Der totalitäre Impuls bedarf keiner Uniformen mehr. Er kleidet sich in die Sprache des Demokratischen, bedient dessen Vokabular, pervertiert dessen Sinn und vollzieht jene Gleichschaltung des Geistes, die er vorgeblich bekämpft.

Der Demokratismus ist die zur Ideologie erstarrte Demokratie: Er macht aus der atmenden, zweischaligen Waage der Polis eine monopolare Einbahnstraße, in der das Zünglein mit bürokratischer Gewalt am Gehäuse festgeschraubt wird.

DEMOKRATISMUS ALS IDEOLOGIE

Das kleine, auf den ersten Blick harmlos daherkommende Suffix „-ismus“ stellt das Wesen der Demokratie im buchstäblichen Sinne auf den Kopf, denn es transformiert ein lebendiges Beziehungsgefüge in ein versteinertes Handlungs- und Herrschaftsdogma.
Die heilende Kraft des „kratos“ als lebendiger Wechselstrom – sowohl Kraft ↔ als-auch Macht – mutierte in der historischen Entwicklung des Logos (als Einheit von Logik und Sprache) zu einem monopolaren Gleichstrom: entweder Kraft →← oder Macht.
Betrachten wir die sprachliche Tiefenstruktur des denkenden Bewusstseins von der altägyptischen Zeit bis in die Zeit des römischen Imperiums, können wir den Weg von Demokratie zum Demokratismus anhand der Entwicklung der antiken Medizin nachzeichnen.

VOM HANDLUNGSREZEPT ZUM KETZERSPIEGEL

Im Denken der griechischen Antike war die Endung -ισμός (-ismós) frei von jeglicher negativen oder ideologischen Last. Abgeleitet von Verben auf -ízein, bezeichnete sie schlicht das tätige Vollziehen, eine praktische Haltung oder ein methodisches Verfahren – vergleichbar einem Rezept, das in Handwerk, beim Kochen oder Backen eine variable Richtlinie als Handlungsorientierung und kein schriftlicher Befehl zu buchstabentreuem Gehorsam ist. Die Endung -ismós bezeichnete in diesem Sinne eine flexible Ausrichtung der Gepflogenheiten:

Diese unbefangene Nähe zur Anschauung reicht noch tiefer in die Geschichte. Im altägyptischen Papyrus Edwin Smith (17. Jahrhundert v. Chr.), dem ältesten Wundbuch der Menschheit, verfuhren die Heilkundigen strikt kasuistisch:
Traten Schädelfrakturen auf, beschrieb der Text den genauen Befund (z. B. „Wenn sein Schädel ist gespalten und er aus seinen Ohren blutet, dann sagst du…“) Info, wog die Relationen ab und schloss mit einem von drei klaren abschließenden Urteilen. Die Begrenzung war keine Schande, sondern die Anerkenntnis einer empirischen Tatsache:

  1. Eine Krankheit, die ich behandeln werde. – günstige Prognose
  2. Eine Krankheit, mit der ich kämpfen werde.“ – zweifelhafte Prognose
  3. Eine Krankheit, die nicht behandelt werden kann. – aussichtslos / Kontrafaktizität des Unabwendbaren

Der Bruch vollzog sich mit dem kulturellen Übergang der griechischen Antike in das formalisierende, monokausale Denken im imperialen römischen Kulturkreis. Ein Schlaglicht auf den Bewusstseinswandel wirft die Ankunft des ersten griechischen Arztes in Rom:
Archagathos aus Sparta im Jahr 219 v. Chr. Wie Plinius der Ältere berichtet, feierten ihn die Römer anfangs begeistert als begnadeten Wundheiler (‚vulnerarius‘). Als seine chirurgischen Schnitte und Kauterisationen jedoch die gewohnte bäuerlich-religiöse Heilkunde überforderten, schlug das Urteil abrupt um: Aus dem Heiler wurde quasi über Nacht der „Schlächter“ (‚carnifex‘).  5. Die bipolare Einheit des Heilungsprozesses – in dem Schmerz und Genesung als polare Wechselwirkung zusammengehören – zerfiel in ein starres Entweder→←Oder.

Das Verständnis der bipolaren Einheit des „Gegensinns der Urworte“ entschwand in der europäischen Geistesgeschichte mit dem Übergang der griechischen zur römischen Antike.
Im lateinischen Sprachraum wurde das Suffix -ismus fortan zum Marker der Abweichung und Verurteilung:

In der attischen Demokratie gab es das wesentliche Organ des Scherbengerichts. Um zu verhindern, dass Politiker zu mächtig würden und es zu einer Tyrannei (τυραννίς tyrannís ‚unumschränkte Herrschaft‘) kommen könnte, versammelten sich die athenischen Bürger einmal im Jahr auf der Agora ( zentraler städtischer Versammlungs- und Marktplatz) – wobei ein Quorum von mindestens 6.000 Bürgern erforderlich war –, um den Namen des ihnen unbeliebtesten oder gar gefährlich erscheinenden Politikers in eine Scherbe zu ritzen. Den am häufigsten genannten Politiker erwartete für die Dauer von 10 Jahren eine Verbannung aus Athen – binnen 10 Tagen musste er die Stadt verlassen haben.

  1. In der griechischen Antike war der Begriff Dogma (δόγμα dógma) noch durchweg positiv konnotiert. Dogma bedeutete „das Geglaubte, Gemeinte oder das Beschlossene“, in der Philosphie meinte der Begriff einen Lehrsatz.
  2. In der römischen Antike hatte man den Begriff Dekret (decretum) „(rechtsverbindlicher) Grundsatz“; in der antiken Philosophie als Axiom (nicht zu hinterfragende Erstbegründung) verstanden. Der Begriff ‚decretum stare‘ bedeutete ‚einem Beschluss nachkommen‘, der von einer Staatsbehörde angeordnet worden war.
  3. Mit der römisch-katholischen Kirche wurde der altgriechische Begriff Dogma zur durch Synoden und Konzilien festgeschriebenen Glaubensnorm („norma normata“ ‚normierte Norm‘), ohne Widerrede, ohne Scherbengericht. Nicht mehr unbeliebtes Führungspersonal wurde aus der Polis verbannt, sondern unliebsame Bürger wurden mit einem Kirchenbann belegt. Die Hüter der Normen wurden zu „Hirten“, die Gläubigen zu be-hüteten Schafen mit den Eigenschaften, die man sich von frommen Untertanen wünscht. Im Sinne des Schöpfers und der Schafe war das allerdings nicht:

„Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt. (Hesekiel 34.1-3)
[…] Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.“ (Hesekiel 34.10)

Aus der antiken Richtline der Gepflogenheiten war das römisch-imperiale Unterwerfungsprinzip geworden. Der „Staatsschutz“ der Demokratie als der schützende Staat war zum geschützten Staat mutiert. Auch dieses Gespenst west semantisch fort: Der Begriff „Sanktion(lat. sānctio; Genitiv sānctiōnis) bedeutete in der römischen Antike „unverletzlich / unverbrüchlich machen“.

FREIER FALL IN DIE KONTRAFAKTIZITÄT

Mit dieser Erstarrung des Denkens im Entweder→←Oder spaltete sich das abendländische Bewusstsein in zwei unversöhnliche Modi:

ALTERNATIVLOSIGKEIT UND DIE STILLEGUNG DER WAAGE

Sein deutlichstes Symptom ist die Wiederkehr des imperialen Dekrets in der Gestalt der „Alternativlosigkeit“. Die Alternativlosigkeit ist das linguistische Todesurteil für die Demokratie: Sie liquidiert den Konjunktiv, den schöpferischen Raum des „Es bestünde die Möglichkeit…“, „Es wäre gut, wenn…", „Wir könnten versuchen, ob…“.
Wer dekretiert, es gebe zu einer Entscheidung keine Alternative mehr, entzieht der Politik das Wiegen und Abwägen. Wo keine Alternativen existieren, bedarf es keines Züngleins an der Waage, keines Diskurses und letztlich keiner Wahlentscheidungen mehr.

Wenn die „Bereitschaft zum unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen die sie umklammern“, wird das Gespenst – der freie Fall in die Kontrafaktizität – in den gesellschaftlichen semantischen Denkstrukturen sichtbar. Im Unterschied zu erdachten Ideen und Ideologien, sind Bedeutungen untrennbar mit der empirischen Wirklichkeit verwoben.

Spricht politisches Führungspersonal von „Alternativlosigkeit“, wie es seit etwa 10 Jahren zunehmend der Fall ist, erwacht das imperiale Gespenst. Die Logik des Nichts und die Beweggründigkeit des Kontrafaktischen:

Die Logik des Demokratismus führt folgerichtig dorthin, wo das Kalkül die Wirklichkeit vollständig an die Kette legt: Droht das Volk, die ihm zugedachten Schablonen zu verlassen, wird die Krise zur existenziellen Bedrohung erklärt. Aus der abstrakten Gefahr wird ein Spannungs- oder Verteidigungsfall konstruiert, unter dessen staatsrechtlicher Glocke Wahlen nach Belieben ausgesetzt werden können.   Video

Hier schließt sich der Kreis zum Nationalsozialismus und Adornos Warnung vor dem Nachleben des Autoritären: Die Machtergreifung bedarf heute keines Umsturzes mehr; sie vollzieht sich als formaljuristische Pflichterfüllung im Namen eben jener Demokratie, deren atmendes Herz sie zuvor mit dem Gift des Ideologischen zum Stillstand gebracht hat.

ÜBERKOMPENSATION

Ein internationaler politischer Analyst äußerte unlängst, dass europäische Führer bei ihren Bürgern so beliebt seien wie Hämorrhoiden.
Jeder Mensch hat Hämorrhoiden (Corpus cavernosum recti: Schwellkörper im Bereich des Anus), sie sind funktional erforderlich. Nicht das Organ ist das Problem, sondern dessen Dysfunktionalität. Worauf der Analyst hinweisen wollte, ist die Tatsache, dass die Beliebtheitswerte europäischen Führungspersonals bei den Bürgern teilweise deutlich unter 20 Prozentpunkten liegt, was im Umkehrschluss bedeutet, dass 80 Prozent der Bürger dieses Führungspersonal ablehnt.

Die attische Demokratie wusste derartige Verwerfungen frühzeitig durch die Institution des Scherbengerichts zu verhindern. Ein Politiker mit einem derartigen Zustimmungsdefizit hätte die Polis binnen 10 Tagen verlassen müssen und in den folgenden 10 Jahren nicht mehr betreten dürfen.

Diese signifikante Abweichungstoleranz im Hinblick auf den Bürgerwillen liegt weit jenseits dessen, was in einer Demokratie zumutbar ist. Wenn das betroffene politische Personal sich den aufgebrachten Bürgern mit Parolen entgegenstellt wie „Wir müssen die Demokratie verteidigen!“, dann liegt unübersehbar auf der Hand, auf welcher Seite der Verteidigungsbedarf besteht.

Politische Organe haben die zentrale Aufgabe, die Geschicke ihrer Bürger zu fördern. Dazu ist – im Sinne Schopenhauers – nur wenig Macht erforderlich und das auch nur optional. Um die Geschicke der Bürger zu lenken, ist vor allem Geschick notwendig. Mangelt es Führungspersonal an Geschick, kommt es zwangsläufig zu politischem Versagen. Der Drang zu Macht erwächst stets aus Ohnmacht.

Das Versagen biologischer sowie gesellschaftlicher Organe führt zu dessen Überkompensation. Alfred Adler hat dieses Prinzip bereits in seiner bahnbrechenden Habilitationsschrift von 1907 dargelegt und in seinen späteren Werken zur Individualpsychologie zum anthropologischen Strukturgesetz erhoben:

  • Der Kern des Gesetzes: Adler wies nach, dass ein biologisch mangelhaftes oder dysfunktionales Organ im Organismus nicht einfach verkümmert, sondern das Zentralnervensystem zu einer Überkompensation zwingt.  6.
  • Der Umschlag ins Soziale und Neurotische: In seinem Hauptwerk „Praxis und Theorie der Individualpsychologie“ (1920) sowie in „Über den nervösen Charakter“ (1912) übertrug er diesen organischen Befund auf die menschliche Psyche und Gesellschaft. Das Gesetz lautet im Kern:

„Das Gefühl der Minderwertigkeit, der Unvollständigkeit, der Unvollkommenheit […] ist das ewig treibende Moment im Seelenleben. Aber die Kompensation dieses Gefühls schlägt dort in eine verhängnisvolle Überkompensation – in den unersättlichen Willen zur Macht und Überlegenheit – um, wo das Individuum den Anschluß an die Gemeinschaft und den Mut zur Lösung der realen Lebensaufgaben verloren hat.  7.

Droht eine „Entthronung“ durch einen Kandidaten, der bei den Bürgern deutlich beliebter ist, droht mit der Amtsenthebung ein Verlust an Ansehen und Bedeutung, die Alfred Adler anhand einer Geschwisterkonstellation beschreibt:

  • Das ältere Kind erlebt durch die Geburt des jüngeren Geschwisters einen dramatischen Bedeutungsverlust.
  • Reagiert es darauf nicht mit Kooperation, flieht es in die Neurose der Macht: Es will die verlorene Alleinherrschaft mit Trotz, Dominanz und aggressivem Kontrollwahn kompensieren – es wird zum kleinen Tyrannen, weil es dysfunktional geworden ist und seinen realen Wert in der Gemeinschaft nicht mehr spürt.  8.

Politischer Autoritarismus ist nichts anderes als die Überkompensation eines inneren Versagens. Weil die Herrschenden die realen Aufgaben der Polis nicht mehr lösen können (funktionale Dysfunktion), flüchten sie aus ihrer Ohnmacht in den bösartigen Willen zur Macht über die Bürger.

IDEOLOGISCHES HANDELN

Ideologisches Handeln (Ideologie – ‚Ideenlehre‘) bezieht sich auf die groteske Behauptung einer Wirkmächtigkeit von Ideen. Von der Idee einer Wespe wird man nicht gestochen – Ideen zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie harmlos sind, eben weil sie nichts bewirken – solange sie nur gedacht werden.

Ein ausgesprochener Gedanke jedoch ist eine in die Welt gesetzte Idee, eine Ideologie in wortwörtlichem Sinne und entfaltet semantische Wirkung in der Herbeiführung von Wirklichkeit durch die Logik der selbsterfüllenden Prophezeiung (self-full filling prophecy):

Würde medial täglich von Wespenstichen und der Gefahr anaphylaktischer Reaktionen gesprochen, würden die Menschen alsbald in ihren Handlungen im Hinblick auf Wespen anaphylaktisch überreagieren.
Hexen haben niemals in Wirklichkeit existiert, sondern nur in semantischen Hirngespinsten. Dennoch wurden in Europa zwischen 1550 und 1650 auf päpstliches Geheiß mittels Inquisition mehr als 50.000 nicht existente Hexen hingerichtet. Auch wenn sie nicht als Hexen gelebt haben, so sind sie doch als Hexen gestorben (freier Fall in die Kontrafaktizität).

„Es ist die größte Ketzerei, nicht an das Wirken der Hexen zu glauben.“  9.

Der Zirkelschluss des inquisitorischen Denkens duldet keinen Zweifel: Wer das Gespinst der Bedrohung hinterfragt, wird kraft monopolaren Dekrets selbst zum Schädling erklärt. Das Nicht-Glauben an das Phantom ist das Verbrechen.

Diese inquisitorische Pseudo-Logik zur Herbeibeschwörung von Unheil besteht fort, auch wenn die Art der „Hexen“ sich grundlegend geändert hat: Militärische Aufrüstung gegen einen nicht existenten Feind benötigt keinen realen Feind. Um einen Feind herbeizubeschwören, reicht es aus, dass Menschen sich so verhalten, als ob es einen Feind gäbe.

FAZIT

„»Alle Politik besteht in der Wahl des kleineren Übels« (wie der Wiener Dichter Karl Kraus einst sagte). Für uns gibt es nur zwei Regierungsformen: solche, die es den Regierten möglich machen, ihre Machthaber ohne Blutvergießen loszuwerden, und solche, die ihnen dies nicht möglich machen oder nur durch Blutvergießen. Die erste dieser Regierungsformen nennen wir gewöhnlich Demokratie, die zweite Tyrannei oder Diktatur.
[…] Wir glauben an die Demokratie, aber nicht, weil in der Demokratie das Volk herrscht. Weder Sie noch ich herrschen; im Gegenteil. Sie sowohl wie ich werden regiert, und manchmal mehr, als uns lieb ist. Wir glauben an die Demokratie als die einzige Regierungsform, die mit politischer Opposition und daher mit der politischen Freiheit verträglich ist.“  10.

In diesem Sinne wollen wir uns im zweiten Teil des Essays mit dem Scherbengericht und der Idee einer Renaissance der attischen Demokratie in einer denkbaren sokratischen Demokratie der Zukunft befassen.