Im ersten Teil des Essays hatten wir festgestellt, dass der Wille zur Macht bei denjenigen erwacht, die vor Herausforderungen stehen, denen gegenüber sie sich machtlos fühlen: Der Drang zu Macht erwächst stets aus Ohnmacht.
Bei Politikern ist das Gefühl ohnmächtigen Vesagens in der in der Regel auf fehlende Fähigkeiten zur Lösung der Probleme zurückzuführen, die sie vor Wahlen lautstark zu lösen verkündet hatten. Dass diese Hybris von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, hätte ihnen von vornherein bewusst sein können und müssen.
„Wären Probleme lösbar, müsste man sie nicht ernst nehmen. Probleme sind Zumutungen der Wirklichkeit, wenn sie nicht lösbar sind. Immer noch rühmen sich Politiker ihrer »Problemlösungskompetenz«, die sich auch gerne Banker, Unternehmer und Professoren zugute halten. Dabei sollte seit Fukushima und den gescheiterten Versuchen, die Retter der Euro-Retter zu retten, jedermann klar sein, dass von Menschen auf Erden Probleme nur durch das Schaffen neuer Probleme »gelöst« werden können.“ 1.
Problemlösungen sind prinzipiell nur durch Problemschaffungen möglich.
Das ist pragmatisch nur dann sinnvoll, wenn abzusehen ist, dass die Folgeprobleme in Summe kleiner sind als das Ausgangsproblem. Probleme müssen nicht gelöst, sondern gemeistert werden – Bazon Brock: Man kann den Regen nicht abstellen, aber man kann einen Regenschirm benutzen.
Politiker, die Problemlösungen versprechen, sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das Gefühl der Ohnmacht ist auf diesem Wege ebenso vorprogammiert wie der Impuls, das quälende Gefühl durch Erlangung von mehr Macht zu neutralisieren.
Alfred Adler beschrieb das menschliche Seelenleben als ein ständiges Ringen mit dem Mangel: Erfährt ein Individuum einen Einbruch seiner Geltung oder versagt ein Organ in seiner biologischen Funktion, antwortet das Nervensystem nicht mit stiller Resignation, sondern mit Überkompensation.
Droht der Absturz in die eigene Belanglosigkeit – wie beim von Adler beschriebenen erstgeborenen Kind, das mit der Ankunft eines jüngeren Geschwisterleins seine uneingeschränkte Vorherrschaft einbüßt –, gerät das erstgeborene Kind aus dem elterlichen Fokus, flüchtet sich oftmals in den Trotz und versucht, in der Pose eines kleinen Tyrannen, wieder in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu gelangen. Der Impuls zu Macht und Tyrannei erwächst nicht aus Stärke, sondern aus der Furcht vor dem eigenen Bedeutungsverlust.
Überträgt man diesen individualpsychologischen Befund auf das Beziehungsgefüge einer Gesellschaft, wird sichtbar, wie verheerend dieser Mechanismus wirken kann, sobald die Waage der Polis aus dem Takt gerät.
DAS GLEICHNIS DER ERBSENWAAGE
Stellen wir uns eine genau ausbalancierte Balkenwaage vor:
In der linken und in der rechten Schale liegen jeweils 100 Erbsen. Das Zünglein ruht auf der Nulllinie.
Wird nun eine einzige Erbse aus der linken Schale genommen und in die rechte gelegt, geschieht im Kopf des Betrachters etwas Unerwartetes: Die linke Schale hat zwar real nur eine Erbse eingebüßt – sie beinhaltet nun noch 99 (absolut), doch ihr Blick wandert unweigerlich hinüber zur anderen Seite, in der jetzt 101 Erbsen (relational) liegen.
Obwohl dem Erbsen-Verlierer real nur eine Erbse fehlt, klafft zwischen beiden Seiten plötzlich ein Graben von zwei Erbsen. Die Schieflage verdoppelt sich rein geometrisch:
Eigener Verlust: 1 Erbse
Sichtbarer Abstand zum Nachbarn: 2 Erbsen
In der Wahrnehmung der Verlustseite vollzieht sich ein folgenschwerer Sprung:
Sie registriert nicht ihren eigenen, marginalen Abzug, sondern starrt gebannt auf das doppelte Übergewicht des Gegenübers.
Um diesen vermeintlichen Rückstand nicht nur aufzuholen, sondern das nagende Gefühl der Unterlegenheit dauerhaft zu bannen, greift sie überkompensierend zurück – und verlangt nicht eine, sondern 3 Erbsen.
Nun aber schlägt derselbe relationale Schrecken auf die Gegenseite durch: Rechts sieht sich unvermittelt mit einem Rückstand von 4 Erbsen konfrontiert, obwohl nur 2 Erbsen fehlen, gerät in Panik und holt zum überkompensierten Gegenschlag einer Zurückholung von 5 Erbsen aus – usw. usf.
Stellen wir uns anstelle der Erbsen zwei politische Gegner vor: Ist ein Zustimmungsverlust von 20 Prozent zu verzeichnen, wird dies mit Blick auf den politischen Konkurrenten als Rückschlag von 40 Prozent erlebt.
DIE GEBURT DER SCHEIN-EXPONENTIALITÄT
In der Überkompensation der tatsächlichen Verhältnisse wurzelt die Hysterie, die Gesellschaften in Krisenzeiten regelmäßig den Verstand raubt:
Der reale Vorgang bleibt über die gesamte Strecke ein simples, lineares Addieren und Subtrahieren handfester Mengen. Doch weil das menschliche Bewusstsein jeden Verlust relational am Abstand zum Anderen misst – und dieser Abstand stets doppelt so schnell wächst wie der eigentliche Transfer –, projiziert der Verstand einen exponentiellen Absturz dorthin, wo lediglich Schritt für Schritt Erbsen wandern.
Wir erinnern uns nur zu gut an die Corona-Pandemie:
Es wurde eine kurzfristige exponentielle Vermehrung der Viren prognostiziert und panikartig ein kurzfristiger exponentieller Bedarf von Intensiv-Klinikbetten konstatiert. Das tatsächliche Problem ist und war der jahrelange sukzessive Abbau von teuren Intensivplätzen in Kliniken. Nach dem Abklingen des Panikmodus „Wir werden alle sterben!“ befinden wir uns nun wieder im Rückfallmodus „Krankenhaussterben“ aus Kostengründen. Link
Der defizitären staatlichen Gesundheitsvorsorge, dem Mangel an Masken, Betten und Pflegepersonal (absoluter Ist-Bestand zuweniger Erbsen) wurde nicht denkend, sondern mit maßlos übersteigerten affektiven Reaktionen begegnet: Nicht die tatsächliche Differenz zwischen Soll und Haben wurde antizipiert, sondern die Differenz zwischen Soll und Nichthaben(relativer Ist-Nicht-Bestand an Erbsen) wurde hysterisch überkompensiert.
Das politische Führungspersonal versagte – sinnbildlich gesprochen – beim korrekten Erbsenzählen und imaginierte das reale staatliche Fürsorgedefizit, das sich in der verzerrten relativen Wahrnehmung verdoppelt hatte. In affektiver Gegenreaktion wurde die Fürsorge verdreifacht, womit die Bürgerrechte durch paranoid-drakonische Maßnahmen weitgehend ausgehebelt worden sind.
Der mathematisch präzise Korrekturwert hätte lauten müssen: „Das tatsächliche Problem ist nur halb so schlimm!“.
Das entstandene Defizit an Bürgerrechten wurde jedoch in Gegenrichtung des Pendels auf die gleiche Weise überkompensiert. Der tatsächliche Verlust an Freiheit wog in der Wahrnehmung doppelt schwer. Entsprechend kontrafaktisch übersteigerten sich Gegenreaktionen: Die Existenz des Problems wurde von Seiten der Kritiker vielfach kleingeredet oder gänzlich verleugnet.
Auch in der durch Fürsprecher und Kritiker stark ideologisierten Diskussion für und gegen Klimawandel finden wir den „Doppelungseffekt“ des Erbsengleichnisses.
Das Problem klimatischer Veränderungen ist durchaus ernst zu nehmen und gesellschaftlich zu antizipieren. Bezieht man jedoch den natürlichen Kohlenstoffkreislauf mit ein (die sogenannte „Senkenleistung“) 2., zeigt sich auch hier, dass das tatsächliche Problem mathematisch halb so groß ist, wie es sich im Hysteriemodus „Wir werden alle sterben!“ in überkompensierter Dimension zeigt.
Aus einem arithmetischen Ungleichgewicht wird im Kopf eine unaufhaltsame Lawine. Das System verliert das Augenmaß für das Reale und verfällt der Paranoia so, dass die Waage nicht bloß schwankt, sondern in einen Abgrund zu stürzen droht. Mit dem Bruch der Waage im Verlaufe der pandemischen Krise erfolgte der Bruch der Verhältnismäßigkeit und der freie Fall in den Abgrund der Kontrafaktizität.
ERWARTUNGSTHEORIE UND VERLUSTAVERSION
„Sie können das Ausmaß Ihrer Verlustaversion dadurch messen, dass Sie sich selbst eine Frage stellen: Was ist der niedrigste Gewinn, den ich brauche, um die 50-prozentige Wahrscheinlichkeit eines Verlustes von 100 Dollar auszugleichen? Für viele Menschen liegt die Antwort bei etwa 200 Dollar, also der doppelten Höhe des Verlustes. Die Verlustaversionsrate liegt, wie in mehreren Experimenten nachgewiesen wurde, zwischen 1,5 und 2,5.“ 3.
Was Daniel Kahneman und Amos Tversky in ihrer bahnbrechenden Neuen Erwartungstheorie(Prospect Theory) empirisch nachwiesen, liefert den psychophysiologischen Schlüssel für die Hysterie an der Erbsenwaage: Verluste und Gewinne werden im menschlichen Bewusstsein nicht symmetrisch verbucht.
Der seelische Schmerz über den Verlust eines Gutes wiegt im Erleben etwa doppelt so schwer wie die Freude über einen wertgleichen Gewinn. Eine arithmetische Nullsumme – 10 Erbsen verlieren und anschließend 10 Erbsen zurückerhalten – hinterlässt keinen Gleichstand, sondern das bittere Gefühl, betrogen worden zu sein.
Treffen nun die geometrische Mechanik der Waage und die Asymmetrie der Psyche aufeinander, potenziert sich die Schieflage:
Die relationale Verdopplung: Wandert eine Erbse von links nach rechts, entsteht rein rechnerisch ein Abstand von zwei Einheiten ($\Delta = 2 \cdot \Delta n$). Der Verlierer blickt nicht auf seinen realen Abzug von $1$, sondern auf die Kluft von $2$.
Der psychologische Multiplikator: Durch den Filter der Verlustaversion schmerzt dieser reale Verlust von $1$ wie ein Schaden von $1{,}5$ bis $2{,}5$. Das Subjekt fühlt sich um zwei Einheiten geschrumpft, sieht den Konkurrenten um zwei Einheiten übermächtig – und fordert zur Wiederherstellung der inneren Sicherheit mindestens das Doppelte zurück.
Hier offenbart sich das Geheimnis der Ausgleichslogik: Um die destruktiven Pendelausschläge abzufedern, müssen die Erwartungen beider Seiten im wahrsten Wortsinn ent-täuscht werden – die affektive Täuschung über die Dimension des Verlustes muss weichen, ohne dass dem Anderen tendenziell die Existenzgrundlage entzogen wird.
Der mäeutisch stimmige Dämpfungswert liegt beim Faktor 1,5: Er erstattet den realen Verlust von einer Erbse vollständig zurück und gewährt einen Sicherheitszuschlag von $0{,}5$ Erbsen als psychologische Beruhigung für das überstrapazierte Verlustempfinden. Es handelt sich dabei keineswegs um einen faulen parlamentarischen Kompromiss, sondern um eine physikalische Notwendigkeit:
Würde man den überzogenen Gegenforderungen gänzlich nachgeben wollen und Ausgleichswerte jenseits von Faktor $1{,}5$ gewähren, würde der Gegenseite so viel Substanz entrissen, dass deren Pendelschlag mit noch größerer kinetischer Wucht zurückschnellen würde. Systeme können sich so bis zum Eintreten einer Resonanzkatastrophe aufschaukeln. Info
Im modernen Demokratismus jedoch existiert kein moderierendes Zünglein mehr, das diese Schwingung dämpft. Stattdessen haben sich beide Lager in ihrer ideologischen Machtüberkompensation eingemauert. Der politische Raum degeneriert zu einem frontalen Zusammenprall zweier Fundamentalismen, deren Akteure nicht mehr miteinander sprechen, sondern das Gespenst des Gegners attackieren:
„Ignoratio elenchi nennt man den Irrtum über das zu Beweisende. Man bringt eine korrekte Argumentation vor, aber nicht für die behauptete These, sondern für eine andere. Statt der vom Gegner wirklich vertretenen Position greift man – absichtlich oder irrtümlich – einen Strohmann an, d. h. eine verzerrte missverstandene Darstellung der gegnerischen Position.
[…] Der erfahrene politische Agitator hat einen Schatz solcher Sätze in der Hand, mit denen er auf Fragen und Einwände reagiert, ohne eine Antwort zu geben.“ 4.
Wo Strohmänner verbrannt werden, geht es nicht mehr um das Abwägen realer Verhältnisse, sondern um das Zementieren von Glaubenssätzen. Damit ist der Boden bereitet für die verhängnisvolle Verwechslung zweier Kategorien, die eine sokratische Demokratie strikt auseinanderhalten muss: der Unterschied zwischen bloßen Meinungen und konkreten Ansichten.
ANSICHTEN UND MEINUNGEN
„Der Verkehr ist in Deutschland zu einer nationalen Zwangsvorstellung geworden. […] Es ist wohl so, daß sich der einzelne als irgend etwas fühlen muß – der soziale Geltungsdrang, an so vielen Stellen abgestoppt, gebremst, zunichte gemacht, findet hier sein Ventil und dringt zischend ins Freie.
[…] Der Deutsche fährt nicht wie andere Menschen. Er fährt, um recht zu haben.“ 5.
Im angelsächsischen Sprachraum lässt man sich nicht den Mund verbieten. Ein hervorstechendes Beispiel ist Speakers' Corner im Hyde Park. Die königliche Familie zu beleidigen, ist tabu; ansonsten kann man nach wie vor öffentlich verbreiten was und wie einem ‚der Schnabel gewachsen ist‘. Bekannte Persönlichkeiten wie Karl Marx oder George Orwell nutzten Speakers' Corner, um ihre Gedanken für all die darzulegen, die sie hören wollten. Free Speech, die freie Rede ist das Fundament aller Demokratien. Wird das freie Wort (der Logos) – abgesehen von Verbalinjurien – unterminiert, wird die Demokratie zum Demokratismus. Wird die freie Rede unterbunden, wird aus dem Demokratismus ein Despotismus.
Die Deutschen sprechen jedoch in der Regel nicht von freier Rede, sondern von Meinungsfreiheit. Betrachten wir das Phänomen näher.
Ansichten: Der Sichtwinkel eines einzelnen Menschen ist beschränkt. Beim Betrachten eines Gegenstandes kann man mehrere Sichtpositionen einnehmen, Das bedeutet aber noch lange nicht, dass man wirklich alles, was es zu sehen gibt, tatsächlich gesehen hat.
Wieviele Stufen haben die Treppen, die sie täglich oder in einem anderen Turnus wiederholt nutzen?
Falls es Ihnen bei der Frage wie dem Autor ergehen sollte, müssten Sie, um die Frage beantworten zu können, hingehen und nachzählen. Sie haben die Treppe zuvor zwar irgendwie gesehen, aber zu diffus, um aus ihrer empirischen Erfahrung konkrete Rückschlüsse ziehen zu können.
Meinungen: Der Wortbegriff „meinen“ bedeutete schon im Mittelhochdeutschen ‚sinnen, nach-denken, seine Gedanken auf etwas richten‘. Meinungen sind logische Folgerungen, die auf Ansichten basieren. Sie könnten sich den Weg zur Treppe sparen, um die Stufen nachzuzählen, indem sie sich ausdenken, wie viele Stufen die Treppe wohl hat. Vermutlich wäre ihre erdachte Meinung jedoch falsch, weil ihnen beim Denken die Möglichkeit zur Ansicht fehlte.
Es ist verblüffend, wie viele Menschen feststehende Meinungen über komplexe Sachverhalte vertreten, von denen sie selbst nur eine subjektive Teilansicht haben können. Die eigene Ansichtsperspektive ist immer unzureichend. Sie muss grundsätzlich durch weitere Betrachtungswinkel ergänzt werden, um nach und nach verstehen zu können, um was es sich bei einem Anschauungsobjekt konkret handelt.
Ein Beispiel: Stellen wir uns einen unsichtbaren Kreis als ein Objekt vor, über das wir bis jetzt noch keinerlei Information haben:
Die eigene Perspektive berührt das betrachtete Objekt tangential. Man könnte sich anhand des Gesehenen nun jede beliebige Meinung darüber bilden, was man da gerade berührt hat. Die einzige Information jedoch, über die man verfügt, ist die, dass man ein nicht näher bestimmtes Etwas vor Augen hat.
Kommt eine zweite Tangente ergänzend hinzu und bestätigt, dass dort tatsächlich Etwas zu sein scheint, weiß man über das Objekt immer noch nichts Näheres.
Mit der dritten Tangente bekommen wir eine erste Ahnung, um was es sich handeln könnte: Das Objekt könnte ein Dreieck sein. Man könnte sich nun an dieser ‚Erkenntnis‘ erfreuen und die Meinung, dass es sich um ein Dreieck handele, mit geometrisch präzisen Argumenten vertreten.
Die vierte Tangente wird dem sogleich widersprechen, denn sie kann beweisen, dass es sich bei dem Objekt nicht um ein Dreieck handeln kann, sondern um ein Viereck handeln muss. Die Arena des Streites ist damit eröffnet: Das Objekt muss entweder ein Dreieck oder ein Viereck sein – denn nach den Gesetzen der Logik kann das Objekt nicht beides zugleich sein.
Die Preisfrage: Wieviele Tangenten (Ansichtsperspektiven) sind erforderlich, um zu der abschließenden Erkenntnis zu gelangen, dass es sich beim Objekt um einen Kreis handelt? Die Antwort dürfte hinlänglich bekannt sein: Es sind unendlich viele Tangenten notwendig.
Unendlich viele Tangenten können sich nur in unendlicher Annäherung einem tatsächlichen Wissen nähern. Aus vielen Ansichtsperspektiven kann sich zwar eine zunehmend sichere Ahnung eines Kreises herausbilden – es sicher zu wissen, ist jedoch unmöglich.
Das Entweder→←Oder des logischen Denkens ist ein fortwährender infinitesimaler Annäherungsprozess. Meinungen hingegen sind Standpunkte, die den Prozess der Erkenntnis vorzeitig als Vorurteil abgeschlossen haben. Je früher eine Meinungsbildung abgeschlossen ist, desto beliebiger und unzuverlässiger ist das Resultat.
Dieses Nicht-wissen-können ist das Kernprinzip einer sokratischen Demokratie, die durch die Beweggründigkeit des Besser-wissen-wollens immer wieder korrumpiert wird.
Dazulernen bedeutet, sein Gesichtsfeld gegenüber der Wirklichkeit kontinuierlich durch In-Frage-Stellung dessen, was bereits bekannt ist, zu erweitern.
Ärgerlicherweise verdecken dem Ansichtswunsch der Bürger fortwährend Besser-wissen-Wollende mit der Monstranz ihrer ‚Expertise‘ die freie Sicht. Eine Vielzahl von ‚Spezialisten‘ drängeln sich in den Vordergrund, um mit ihren fertigen Standpunkten den Bürgern die Fragen zu beantworten, die sie nicht gestellt haben.
Die Beweggründe sind in der Regel unschwer zu erahnen, da solche ‚Experten‘ dazu neigen, der Maßgeblichkeit ihrer höchstpersönlichen Meinung durch den Glanz ihrer Titulaturen zusätzliches Gewicht zu verleihen. Ein oder mehre Doktorentitel sollten es schon sein Link, ein zusätzlicher Professorentitel adelt den ‚Gelehrten‘ Link – und fehlt es an beidem, gibt man sich zumindest ‚graduiert‘ als „ausgewiesener“ Experte.
Meinungsbildungen an der Hand von Experten sind in einer sokratischen Demokratie gegenüber dem Wissen um das eigene Nichtwissen höchst befremdlich, denn hier gilt:
Spezialisten wissen viel und haben wenig Ahnung.
Generalisten wissen wenig und haben reichlich Ahnung.
Um Ahnung von etwas haben zu können, ist vor allem exploratives intuitives Denken erforderlich, um den unendlichen Horizont des Nichtwissens erst einmal zu erschließen und Neues, bislang noch Unbekanntes, entdecken zu können. Ahnungen sind auf die Erschließung des denkbar Möglichen im noch Unbekannten orientiert.
Erworbenes und angelegerntes Wissen ist auf die Vergangenheit dessen orientiert, was bereits bekannt ist. Spezialisten sind daher im Hinblick auf künftige gesellschaftliche Entwicklungen erst und nur dann gefragt, wenn sie von Bürgern tatsächlich als Experten befragt worden sind. Bis dahin hat ihre persönliche Meinung keinen höheren Geltungsanspruch als die der anderen Bürger.
Das bißchen Wissen, das „ausgewiesene“ Experten, Doktoren, Professoren usw. den einfachen Bürgern voraus haben, ist gemessen an der Dimension dessen, was wir alle als Menschen nicht wissen, nicht können und nicht haben geradezu homöopathisch.
Vielmehr sind auf Ansichten und empirischen Erfahrungen gründende Ahnungen für unsere gesellschaftliche Zukunft ausschlaggebend, denn sie ermöglichen uns, im Hinblick auf die Meisterung nahender oder bereits entstandener Probleme, zielführend ergebnisoffene Fragen mit dem angemessenen Mut zum Irrtum stellen zu können.
EINE OCHSENTOUR
Im Jahr 1906 besuchte Sir Francis Galton – ein britischer Naturforscher, Statistiker und Cousin von Charles Darwin – eine Viehmesse in Plymouth für ein Experiment. Ein gemästeter Ochse wurde zur Schau gestellt. Die Besucher – insgesamt 787 Teilnehmer, darunter sowohl Fachleute (Metzger und Bauern) als auch Laien – konnten gegen eine kleine Gebühr auf einem Zettel schätzen, welches Schlachtgewicht das Tier nach dem Schlachten und Ausweiden auf die Waage bringen würde. Das verblüffende Ergebnis:
Galton, der als Aristokrat der Demokratie und dem Urteil einfacher Bürger zeitlebens zutiefst skeptisch gegenüberstand, wollte eigentlich beweisen, wie dumm und unbrauchbar das Urteil der breiten Masse sei.
Fast alle Einzelschätzungen lagen daneben, viele davon wichen grotesk von dem ab, was in realistischem Rahmen anzunehmen war.
Als Galton jedoch den Mittelwert (bzw. Median) aller 787 Schätzungen errechnete, lag dieser bei 1.207 Pfund (ca. 547,5 kg). 6.
Das tatsächliche, amtlich gewogene Gewicht des Ochsen betrug 1.198 Pfund (ca. 543,4 kg).
Die Schätzung der Menge wich um weniger als 1 Prozent (genau 0,8 %) vom realen Wert ab – und war damit präziser als das Urteil der anwesenden Rinderzucht-Experten und Fleischermeister.
Die Ansicht – das Abwägen der Realität:
Die Teilnehmer der Umfrage fällten kein ideologisches Urteil; sie hatten einen physischen, konkreten Gegenstand vor Augen. Jeder blickte aus einem anderen Winkel auf das Tier: Die einen schätzten das Gewicht vom Nacken und Rücken ausgehend, andere schätzten anhand der Keulen oder des Fleisches auf den Rippen usw. usf. Die individuellen Schätzungen streuten breit, aber sie streuten immer um ein Zentrum im unmittelbaren Angesicht der Wirklichkeit, das für ihre Meinung maßgeblich war.
In der Vielfalt von Ansichten und Erahnungen heben sich die jeweiligen perspektivischen Verzerrungen im arithmetischen Mittel gegenseitig auf: Nur in der Ergänzung durch vielfältige Ansichten zeigt sich ein stimmiges Gesamtbild.
Die Korrumpierung von Ansichten durch Meinungsbildung:
Und was geschieht im modernen Parteien- und Medienbetrieb? Dort stellt man den Menschen keinen Ochsen vor Augen, sondern legt ihnen ein abstraktes Pamphlet vor.
Wenn Agitatoren ihrer Zielgruppe einreden: „Der Ochse ist eine faschistische Zumutung und wiegt 100 Kilogramm!“ oder „Wer den Ochsen nicht auf 3 Tonnen schätzt, zerstört unsere Demokratie!“,
– dann schätzen die Menschen ihre Wirklichkeit letztlich nicht mehr auf der Basis der Erfahrungen ein, die sie unmittelbar vor Augen haben, sondern plappern die zu Standpunkten erstarrten und damit unzulänglichen Meinungen derer nach, die nicht die Realität abbilden, sondern – durch das Kalkül beweggründiger Absichten getrieben – dazu dienen, die eigene gesellschaftliche Bedeutung zu optimieren.
Sobald eine Menschengruppe sich abspricht, sich auf Expertisen anderer verlässt, medial gleichgeschaltet wird oder fundamentalistischen Ideologien und Dogmen folgt, kollabiert die ‚Schwarmintelligenz‘ zur ‚Schwarmdummheit‘.
AUSBLICK AUF EINE SOKRATISCHE DEMOKRATIE
Der gegenwärtige Zeitgeist reagiert auf die sichtbare Zerrüttung der Verhältnisse mit einem reflexhaften Ruf nach „mehr Expertise“. Man fantasiert von einer technokratischen Kaste, die den unbotmäßigen Bürger an die Hand nimmt und ihn durch die Fährnisse der Moderne lotst. Dieser Impuls ist die Bankrotterklärung des Mündigen – der Rückfall in die „selbstverschuldete Unmündigkeit“, deren Überwindung Immanuel Kant als Wesenskern der Aufklärung bestimmte: den Mut, sich seines eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Eine sokratische Demokratie jedoch gründet nicht auf angemaßtem Expertenwissen, sondern auf der individuellen Urteilskraft des Nichtwissens, Nichtkönnens und Nichthabens. Erst das Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeit öffnet den Raum für das unbefangene Hinschauen, für das sokratische Fragen und das unbestechliche Abwägen realer Ansichten. Wer nichts weiß, aber weiß, dass er nichts weiß, bleibt wachsam gegenüber den Dogmen des Kalküls. Ein Experte hingegen verwechselt oftmals seinen winzigen Bildausschnitt mit der Gesamtheit des Seins.
DIE ATTISCHEN WERKZEUGE DER MACHTEINHEGUNG
Die athenische Polis wusste um diese Gefahr und schuf institutionelle Hürden, die das Festkrallen von Opportunisten im Machtgefüge wirksam verhinderten:
Das Losverfahren (Kleroterion): Die Athener hielten Wahlen für ein aristokratisch-oligarchisches Instrument, da sie zwangsläufig die Lautesten, Eitelsten und Begütertsten begünstigen. Die tatsächliche Volkssouveränität vollzog sich durch das Los. Der Zufall garantierte die stochastische Unabhängigkeit der Bürger und verhinderte die Bildung von Parteikarrieren im Keim.
Die persönliche Gesetzeshaftung (Graphē Paranomōn): Jeder Bürger besaß das Recht, Gesetze vorzuschlagen – doch wer die Polis durch unüberlegte Zumutungen schädigte, haftete innerhalb eines Jahres mit eigenem Vermögen, Freiheit oder Bürgerrecht. Wer politische Risiken dekretiert, muss Skin in the Game Info haben, anstatt die Zeche kontrafaktisch den Bürgern aufzubürden, denen gegenüber Rechenschaft abzulegen ist.
Die Schlussrechenschaft (Euthynai): Nach Ablauf seiner Amtszeit durfte kein Beamter die Polis verlassen oder irgendwelche Güter übertragen, bevor er sich den öffentlichen Rechnungsprüfern gestellt hatte. Wer versagte, wurde nicht „nach Brüssel weggelobt“, sondern unnachgiebig zur Rechenschaft gezogen.
Das Scherbengericht (Ostrakismos): ein reines Instrument der Via Negativa. Es diente nicht dazu, Straftaten zu ahnden, sondern Akteure, die durch Hybris, Dominanzstreben oder Machtballung das Gleichgewicht der Polis bedrohten, vorsorglich für zehn Jahre außer Landes zu verweisen – schmerzfrei für den Staat, heilsam für die Waage der Polis.
VIER LEITLINIEN EINER SOKRATISCHEN PRAXIS
Eine sokratische Demokratie der Neuzeit bedarf keiner utopischen Parteiprogramme, sondern einer Besinnung auf vier einfache funktionale Grundregeln:
Das Prinzip der Via Negativa – Entfernen vor Erwählen: Die Qualität eines Gemeinwesens bemisst sich nicht an der Illusion, „besseres Führungspersonal“ zu wählen, sondern an der Fähigkeit, unhaltbare Funktionsträger zeitnah und reibungslos aus Ämtern zu entfernen. Amtszeitbegrenzungen und direkte Abwahlmöglichkeiten neutralisieren das Peter-Prinzip Info und das Kallas-Syndrom. Info Bürger können ihre direkte Abwahlmöglichkeit auch dazu nutzen, eine von ihnen erwünschte Führung vor „Verbiss“ durch machtbeflissene Konkurrenten zu schützen.
Wahrung stochastischer Unabhängigkeit: Zurückdrängung des Meinungsmonopols politischer Kader durch unabhängig zusammengestellte Bürgergremien auf Basis des Zufallsentscheids. Trennung von Bürgerrepräsentanz und Apparat: Das Volk formuliert das Wollen; die Exekutive verbleibt in den Händen einer nach Bildungsbreite und Integrität geprüften Gelehrtenverwaltung.
Das Gesetz der Zumutbarkeit: Grundsatzentscheidungen dürfen niemals über die Köpfe der Betroffenen hinweg getroffen werden; die Einholung des Einverständnisses der Leidtragenden ist unverzichtbar. Belastungen verlangen einen spürbaren Ausgleich mit dem Dämpfungsfaktor $1{,}5$, um die destruktive Verlustaversion im Keim zu entschärfen.
Machthegung und Haftung: Verbot von Koalitionsstrukturen, die zu absoluten Mehrheiten und despotischem Durchregieren führen. Wer politische Macht ausübt, haftet persönlich für den nachweisbaren Schaden seines Handelns.
EVOLUTION STATT ALLMACHTSRAUSCH
Eine sokratische Demokratie lässt sich nicht am Reißbrett konstruieren und schon gar nicht per Federstrich „einführen“. Gesellschaften sind hochgradig sensible, nichtlineare Systeme. Wer in komplexen Systemen mit einem Vorschlaghammer agiert – wie Nachwuchspolitiker, die lautstark ankündigen, man müsse nun endlich die „Samthandschuhe ausziehen“ –, offenbart lediglich die Hybris intellektueller Grobmotoriker. Wer meint, komplexe Rückkopplungen durch brachiales Eingreifen ordnen zu können, zerschlägt nicht das Problem, sondern die Polis.
Evolutionäre gesellschaftliche Veränderungen vollziehen sich nicht durch das Diktat neuer Heilslehren, sondern durch das Abfallenlassen des Dysfunktionalen. Doch genau dieser Prozess wird durch die Pathologien des unipolaren Kalküls in demokratistischen Herrschaftssystemen blockiert.
Welche zerstörerischen Mechanismen – vom Double Bind der Parteienrhetorik über die systemische Paranoia bis zum Survivorship Bias der Macht – das gesellschaftliche Sensorium vernebeln und wie der Logos zur Klarheit verhelfen kann, wird Gegenstand des dritten Teils dieses Essays sein.
1. Bazon Brock, „Theoreme“, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2020, 2. Auflage, S. 192.
2. Das Thema der Kohlenstoffsenken würde den Rahmen des Essays sprengen; daher seien an dieser Stelle stellvertretend zwei Literaturempfehlungen genannt: → Wolfgang Eberhardt, „Unser Planet im Wandel – Klimawandel zwischen Hysterie und Realität“, Selbstverlag, 2025, ISBN 979-8-31340-542-1; → Gerd Ganteför, „Plan B für das Klima – Mit den Kräften der Natur den Klimawandel bewältigen“, Westend-Verlag, Neu-Isenburg 2024, ISBN 978-3-86489-471-8.
3. Daniel Kahneman, „Schnelles Denken, langsames Denken“, Siedler Verlag, München 2012, 1. Auflage, S. 349.
4. Hubert Schleichert, „Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren – Anleitung zum subversiven Denken“, Verlag C.H.Beck, München 1997, 7. Auflage 2012, S. 52.
5. Kurt Tucholsky, „Gesammelte Werke Band 7 – 1929“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1975, Essay: „Der Verkehr“ S. 305–ff.
6. Galton veröffentlichte das Ergebnis im März 1907 im Fachmagazin Nature unter dem Titel: „Vox Populi“ (Nature, Band 75, 7. März 1907, S. 450–451).